So muss es gewesen sein.

Olliver Bierhoff war neulich auf dem Tag der offenen Tür irgendeiner Grundschule am Starnberger See. Dort wurden neben Kaffee und Kuchen auch Geduldsspiele angeboten. oliver Bierhoff versuchte sich am Legen eines Rechtecks aus asymetrischen Einzelteilen. Er fand kurzfristigen Gefallen daran.
Etwa zwei Wochen später verlor die deutsche Nationalmannschaft ein “historisches Spiel” gegen Polen. Für Joachim Löw ist das kein Beinbruch, Manuel Neuer gibt einen Fehler zu und Karim Bellarabi rennt wahrscheinlich immer noch von Tor zu Tor, in der Hoffnung, die Niederlage abwenden zu können. Oliver Bierhoff jedoch, dem fällt da dieser Tag der offenen Tür im Starnberger Spätsommer ein. “Geduld”, denkt er sich, “Geduld brauchen wir jetzt.” Und da der Fußball von Symbolik lebt wie kaum ein anderer Sport , rekrutiert Oliver Bierhoff noch in der Nacht sämtliche Sozial-, Spiele- und Abenteuerpädagogen des Ruhrgebiets und lässt sie ihre Keller entrümpeln. Auf dass sie sämtliche “Methodenspiele”, die sie entweder längst vergessen oder zu oft mit den FSJlerinnen des Jugendtreffs Essen gespielt haben, herauskramen und am Montag zu den Herren Weltmeister bringen mögen.
Das Ergebnis sehen wir hier (bitte unbedingt bis zum Schluss gucken, Musik auf laut):

http://tv.dfb.de/video/geduldsspiele/9708/

Ich gehe davon aus, dass Mats Hummels, der “Typ für solche Spiele”, bis spät in die Nacht hinein mit Neu-Trainer Schneider über den Holzklötzen grübelte und am nächsten Morgen beim Frühstück den “gruppendynamischen Aspekt” jener Spiele lobte. Joachim Löw lächelte daraufhin leicht geniert. Ich stelle mir vor, wie Lukas Podolski daneben sitzt und immer noch nicht fassen kann, dass wirklich ein Schlüssel in das Schloss passen sollte. Oliver Bierhoff setzt sich daneben und fragt Ron-Robert Zieler, wie oft er den heißen Draht habe berühren müssen. “War gar nicht so einfach”, antwortet dieser und versmalltalkt sich in einen Wirrwarr aus Draht, Holz und Funken, während man am anderen Ende des Tisches Matthias Ginters Erleichtung, in Zukunft wirklich nur noch Fußballrätsel lösen zu müssen, von seiner Stirn ablesen kann. Ich sehe weiterhin Manuel Neuer und Thomas Müller etwas weiter abseits, sie unterhalten sich an diesem Morgen nur wenig, stockend, still. Thomas Müller entgleitet ein “Des interessiert mi ois ned, der Scheißdreck. Den Pott hammer!” und Manuel Neuer lächelt Oliver Bierhoff wohlwollend, verwirrt und pflichtbewusst zugleich, er ist schließlich gerade Kapitän, zu. Und während dieser schnell die angereisten Pädagogen verabschiedet und ihnen für das kleine Intermezzo dankt, sehe ich Jerome Boateng Musik hören und Karim Bellarabi um den Tisch rennen. Immer noch möchte er die Niederlage gegen Polen verhindern, immer noch weiß Poldi nicht, wie er diesen verdammten Schlüssels ins Loch bringen soll. Mario Götze stößt hinzu, tippt gelangweilt auf seinem Handy rum. Er schreibt wohl Marco Reus: “Hast nichts verpasst. Mussten gestern irgendeinen Quatsch mit Geduld spielen. Hab geschwänzt.” Und während Erik Durm Mario Götze naiv fragt, ob seine Kopfschmerzen wieder besser seien, höre ich, wie Julian Draxler mit seiner Mutter telefoniert: “Kannst du mir meine alten Lück-Spiele nach Gelsenkirchen schicken?” Toni Kroos betritt den Raum und muss erneut feststellen, dass Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Miro Klose und Per Mertesacker auch an diesem Morgen fehlen. So setzt er sich neben Mats Hummels und lässt die immer noch andauernde, viel zu euphorische Diskussion über asymetrische Holzklötze über sich ergehen, sehnt sich aber danach, mit ihm bald wieder über Fußball sprechen zu können.

Insgesamt empfinde ich bei diesem Video also eine Mischung aus Rührung und Mitleid darüber, dass dort Millionäre und Weltmeister, hinterlegt mit Heldenmusik, Jugendgruppen-Spiele spielen. Andererseits hat dieses Video meine Phantasie so beflügelt wie lange keins zuvor. Danke, Oliver Bierhoff! Danke, Starnberger See!

Der liebe Gott!

Es ist verrückt! Nach Monaten des Desinteresses für diesen Blog durchstöbere ich ihn heute mal wieder, schaue mir die Videos an, die ich einst in Dauerschleife hörte und erinnere mich an jede einzelne Situation, die ich hier geschildert habe. Weit, weit blätter ich zurück und stoße eben auf den 27.9.2011.

“Dankbarkeit – Liebe Leserschaft,

ich weiß, dass ihr mir eigentlich zuhauf zu meinem heutigen Jubiläum gratulieren wolltet.”

Darauf stoße ich und stelle also fest, dass ich pünktlich zum vierjährigen Jubiläum mal wieder hier vorbeischaue und eigentlich so wahnsinnig viel zu berichten hätte. Großes und Kleines, Unwichtiges, Pathetisches, Lustiges und Tragisches. Aber vor allem Lustiges, natürlich. Was mir die letzten Tage am meisten durch den Kopf geht, ist die “Party, die der liebe Gott gerade feiert” (Danke an C für diese so passende Lebenserklärung!). Wenn man nämlich genau aufpasst, passieren ständig Dinge in diesem verrückten Leben, bei denen sich derjenige, der sich das Drehbuch dazu ausgedacht hat, in einer Art humoristischem Dauerrausch befinden muss. Ich stelle mir vor, wie Gott da oben sitzt und eine Party arrangiert hat, die in unserer Zeit gemessen wochenlang anhält. Für ihn sind es nur ein paar Stunden, vielleicht zwei Tage. Als Partyspecial hat er seinen Gästen ein paar “Gucklöcher” Richtung Erde vorbereitet. Wer da durchschaut, sieht Live-Sketche aus unserem Leben und amüsiert sich prächtig. Ich stelle mir vor, wie die himmlischen Gäste dabei zusehen, wie meine Eltern eine Party für die 50-jährige Freundschaft zwischen meinem Vater und seinem Freund geben. Wie mein Opa aus diesem Anlass einer seiner herrlichen Reden hält und ich, als biedere Tochter, in einer anderen Stadt meinen spießigen Samstagseinkauf tätige. Zu sehen wäre auch, wie vier Mädchen, drei Zwerge (einer davon ich) und eine große Schwedin, auf einem Schiff mit 300 Kölnern sind und dort Karneval feiern. Mitten im Sommer und in einem Land, das nie etwas mit Karneval am Hut hatte. Oder diese gesamte Situation um C.s akute Steißbeinentzündung, die zwischen all der Tragik mit einer Komik daherkommt, wie sie Loriot nicht besser hätte beschreiben können. Mehr dazu vielleicht wann anders, wenn ich endlich wieder Muse finde, hier etwas reinzuschreiben.

Bis dahin bleibt mir und diesem Blog nur, uns mal wieder herzlichst selbst zu gratulieren. Grattis till mig! Tack så jättemycket, tack tack! Pünktlich zum vierten Jahrestag wurde mir gestern übrigens von drei Personen (unabhängig voneinander) empfohlen, einen Blog zu starten. Ach, wenn ihr wüsstet!

Half a year away

Fast ein halbes Jahr ohne Jugendarbeit – es fühlt sich an wie ein ganzes Leben. Offiziell bin ich einen Monat raus, habe aber seit Oktober nicht mehr wirklich was gemacht. Wegen Umzug, Uni und Arbeit.  Es passiert so viel in so kurzer Zeit! Da etablieren sich ganz neue Strukturen, neue Freundschaften, Witze, Regeln, neue Kommunikation, neue Insider, von denen ich jetzt schon nichts mehr verstehe. Das ist gut, das muss so. Aber: mein weinendes Auge hat sich immer noch nicht ganz beruhigt.
Ich bin noch im Email-Verteiler des Leitungsteams, in dem ich so ewig war. Ich bin noch Teil von zwei Whats App-Gruppen, die darüber so viel regeln. Natürlich schweige ich, auch wenn ich so viel Senf dazuzugeben hätte. So gerne würde ich mitreden, auch wenn es nur darum geht, was beim nächsten Treffen gegessen wird. Aber ich weiß natürlich, dass auch ohne mich etwas mehr oder weniger Sinnvolles gegessen wird. Ich weiß natürlich, dass auch ohne mich die nächste Veranstaltung blendend läuft, auch wenn ich mitkriege, dass eine Woche vorher noch kein Zeitplan steht. Und ich weiß natürlich, dass die letzte Konferenz auch ohne mich so schlaue Ergebnisse hervorbrachte, wie wenn ich selbst mit abgestimmt hätte.

Aber ich kann mir den kleinen Kloß im Hals nicht verkneifen. Ich kann nicht bei Facebook einen Post von ihnen liken, ohne mir ein bisschen zu wünschen, es selbst geschrieben zu haben. (Und es vielleicht ein klein bisschen anders formuliert zu haben.)

Dieses ewige Nachtrauern. Es ist vielleicht doch nur das beste Zeichen dafür, dass ich meine gesamte Jugend lang meine Zeit auf beste Weise “verschwendet” habe. Dass der ganze Matsch unter meinen Fingernägeln und die schlaflosen Nächte so viel goldrichtiger waren als alles, womit ich mich alternativ dazu hätte beschäftigen können. Danke Gott, dass ich das Turnen irgendwann nicht mehr ernstnahm und die Wettkämpfe gegen Wochenendfreizeiten eintauschte! Danke, dass ich ein paar Partys verpasste, weil ich nicht in der Stadt war, sondern in einem Selbstversorgerhaus irgendwo im Wald.
Da kam so viel mehr bei rum.

Ach, Helene!

Wir ich vor drei Jahren noch den Menschen erklären musste, wer Helene Fischer ist und warum ich genau ihr einen Brief schreiben muss. Für meinen Opa, für seinen Geburtstag, damit er sie live sehen kann, obwohl wir keine Karten mehr bekommen haben. Und wie fragend die Blicke waren, als ich schließlich erzählte, wie sehr sich ihre Mitarbeiterin für “den süßen Brief” bedankt hat. Da dachten alle, ich solle mich nicht so freuen über einen Antwort von einem durchschnittlichen Schlagermädchen. Denn da war Helene noch nicht bei uns angekommen! Da war es nur mein Opa, der Trendsetter, der von Helenes Zauber wusste. Wie die Augen erstrahlten, als er sie in der Hitparade sah… und wie vehement er sie vor uns Enkeln verteidigte!

Und jetzt? Ich sitze in meinem Zimmerchen und höre Helene. Shame. Oh, the shame! Aber ich kann nichts dafür, ich habe einfach Bock drauf. Shit.
Hier ein Video, bei dem ich an nichts anderes denken kann als an als die Freude, die die Zuschauer wohl gehabt haben müssen. Ob sie sich heute noch von diesem schönen Sommerabend erzählen, als Helene “Biene Maja” sang? Bestimmt.

Zwischenbericht

Jajamensan, viel zu tun und so. Aber hier kommt ein kurzer Bericht zu Studium und vielleicht auch Leben. Oder nur Studium, wir werden sehen.
Im Juni habe ich mich erstmals für diesen Studiengang interessiert und dem Institut eine Email geschrieben. Nach einer zehnminütigen Aufnahmeprüfung per Telefon (!) hatte ich schließlich, ohne Bürokratie und unnötige Papiere, meinen Studienplatz. Was ich nicht wusste: Neben mir würden noch genau vier andere genau diesen Master machen. Und, sagen wir es so: Ich studiere nicht gerade in Unter-Hupfingen. Sondern eher in einer großen Stadt, mit viel Prunk und Glanz. Aber das hatten wir ja schon.
Im September kam ich also in die Stadt und schaute mich an meinem neuen Institut um, begutachtete das Hauptgebäude und befand, abgesehen von der fehlenden Mensa, alles für schön, alt und prunkvoll.
Kurz bevor die Uni losging, bekam ich dann eine Email. Ich war noch nicht ordentlich immatrikuliert und somit konnte ich mich nicht online zu Veranstaltungen anmelden. Aber wie ich das von meiner alten Massen-Uni gewohnt war, hoffte ich einfach auf gnädige Professoren und Dozenten in der ersten Vorelsungswoche, die mir im besten Fall einen Platz in ihrem Seminar verschaffen würden. Aber Nein, ich bekam eine Email von der Assistentin der Institutsleitung. Die Institutsleitung würde sich fragen, ob es bei meiner Immatrikulation bleibe und ob ich an ihren Seminaren teilnehmen möchte. Falls ja, sollte ich einfach eine kurze Email schreiben. Und das auch an alle anderen Dozenten, bei denen ich gerne zuhören würde. Auf meine Antwort, dass ich geplant hatte, mich auf eine Warteliste in der ersten Vorlesungswoche setzen zu lassen, kam die Antwort: Als Masterstudentin kriegst du (ja, Du!) schon überall einen Platz. Keine Sorge.

Mein erster Gedanke: Wieso denkt hier jemand an mich? Und wieso denkt hier vor allem jemand für mich? Und warum duzt man mich? Und warum erinnert man sich überhaupt an mich, wo der letzte Kontakt doch schon drei Monate her war?

Jetzt, fast ein Semester später, habe ich ein paar Antworten auf diese Fragen. Die Hauptantwort ist wohl die, dass wir zu fünft sind in meinem Studiengang. 5. Fünf. Fem. 5 Personen, die genau das gleich studieren wie ich. Natürlich gibt es noch andere Masterstudenten, aber die haben andere Schwerpunkte. Und da ich also nun eine von fünf, und nicht mehr eine von 5000 bin, genieße ich gerade Uni 2.0: Professoren, die nicht nur meinen Namen können (obwohl ich davon schon schwerstens beeindruckt war in der zweiten Semesterwoche), sondern auch noch wissen, wo ich arbeite, was ich studiert habe, was ich kann, was ich weiß, wofür ich mich interessiere und wo ich herkomme. Und dass ich Karneval mag. Und dass ich eine Vorliebe für schwedischen Adel habe. Und dass ich der deutschen Romantik nicht abgeneigt bin.
Dozenten, die mich duzen und auch außerhalb der Uni erkennen würden. Und die sich innerhalb weniger Tage um ein Stipendium für mich Schlau machen und alte Freunde anschreiben, damit sie mir Kontakte zu ausländischen Unis herstellen. Jetzt schon, für meine Masterarbeit, die in einem Jahr erst beginnt.
Ich könnte ewig weiterreden über diesen Pamper-Studiengang, mit seinen 6-Mann-Seminaren und Sprachkursen mit Gruppenarbeit soweit das Auge reicht. Aber nun muss ich mich leider auf eine Sprechstudne morgen vorbereiten. Dort werde ich so einiges bereden, aber wohl vor allem meine nächste Hausarbeit und die Sache mit der Masterarbeit. Und das beste daran: Während ich mich im Bachelor noch in eine Liste eintragen musste, die im Vier-Minuten-Takt die Zeit mit de Professor berechnet hat, fragte ich meine Professorin heute, wie ich mich für ihre Sprechstunde anmelden kann. Die Antwort: Ein verdutztes Gesicht und “Ich musste noch nie jemanden wegschicken.”. Adieu, stundenlanges Bodensitzen vor verschlossenen, anonymen Professorentüren!

Deutschland 2013

Du landest im Gefängnis. 10 Monate sitzt du da. Dann wirst du in ein Flugzeig gesetzt. Du landest in der Türkei, wo du noch nie warst. Wo du die Sprache nicht verstehst. 50 Euro hast du in der Tasche und keinen deutschen Pass mehr. Du kannst nicht zurück.
Du gehst trotzdem zurück. In deiner Heimat sagen sie dir, du musst dich um Integration bemühen. Großzügig verlängern sie dir deine Aufenthaltsgenehmigung um 6 Wochen. Immer wieder.

Aber du bist doch Deutscher?
Klicken und Gucken!

Eine halbe Seite Leben

So, hier folgt mein Erstlingswerk der literarischen Übersetzung. Die Wahl des Textes begründet sich darin, dass wir ihn just in der Universität durchnahmen und dass das Original sprachlich wohl kaum schöner sein könnte.

Nach August Strindbergs “Ett halvt ark papper” aus dem Schwedischen von Yate. Varsågoda.

Eine halbe Seite Leben

Der letzte Umzugswagen war schon weg, als der Mieter, ein junger, dezent in Schwarz gekleideter Mann, einen letzten Gang durch die Wohnung machte, die nun nicht mehr seine war. Vielleicht hatte er etwas vergessen. Aber nein, vergessen hatte er nichts, rein gar nichts. Und so ging er, hinaus in den Flur und fest entschlossen, nie mehr über das, was er hier erlebt hatte, nachzudenken. Doch da, im Flur, kam alles anders: eine halbes Blatt Papier hing da, mit einem Nagel notdürftig an der Wand befestigt. Und dieser Zettel war doch vollgeschrieben mit so vielem. Sauber und ordentlich mit Tinte, oder vollgekritzelt und hastig notiert mit Bleistift. So stand sie da, diese wunderbare Geschichte von zwei Jahren. Alles, was er zu vergessen versuchte, stand da: Ein Stück Leben auf einem halben Blatt Papier.
Er nahm den Zettel, legte ihn auf die Ablage des Kachelofens, beugte sich über ihn und bgeann zu lesen. Erst stand da ihr Name: Alice. Ohne Zweifel der schönste Name, den er je gehört hatte, denn es war der Name seiner Verlobten. Und Nummer 15 11, was aussah wie die Nummer eines Psalms. Danach: Bank. Seine Arbeit, die heilige Arbeit, die Brot, Haus und Ehefrau brachte. Seine Existenz. Doch durchgestrichen! Denn diese Bank ging in Konkurs, sodass er, nach einer kurzen Zeit der Unruhe, eine Anstellung bei einer anderen Bank fand.
Und dann das. Florist, Kutscher: die Verlobung, als noch Geld da war.
Danach: Möbelhaus, Tapezierer: er wird sesshaft. Umzugsunternehmen: sie ziehen ein. Opernkasse: 50 50. Frisch verheiratet gehen sie sonntags in die Oper. Ihre schönsten Momente, während sie, still und aufmerksam, der Harmonie des Märchenlandes auf der anderen Seite des Vorhangs lauschen.
Dann ein Männername, durchgestrichen. Ein Freund, erfolgreicher Mann, der die Bürde seines Glücks nicht tragen konnte und fiel, hilflos, weit weg von hier. Wie zerbrechlich das Leben ist!
Und hier, hier scheint etwas Neues zum Eheleben hinzugekommen sein: Mit Bleistift und der Handschrift einer Frau steht da: “Die Frau”. Welche Frau? Ja, sie mit dem großen Mantel und dem freundlichen, mitfühlenden Gesicht. Sie, die immer so leise kommt und niemals durch das Wohnzimmer, sondern stets durch den engen Korridor, in das Schlafzimmer geht. Unter ihrem Namen steht Doktor L.
Und dann zum ersten Mal der Name eines Verwandten. “Mama” steht da. Die Schwiegermutter. Die, die sich immer zurückhielt, um nicht das Glück der Frischverheirateten zu stören, und die, die aber nun, im Eifer des Gefechts, gerufen wird. Und sie kommt so gerne, ist so froh, dass sie gebraucht wird.
Und hier fängt die große Kritzelei in blau-rot an. Arbeitsvermittlung: Das Zimmermädchen ist ausgezogen, soll ein neues eingestellt werden? Apotheke. Hm! Es wird düster. Molkerei: hier wird Milch bestellt, pasteurisiert.
Bauer, Metzger etc.: Man beginnt, den Haushalt per Telefon zu führen, da die Frau des Hauses nicht zur Stelle ist. Nein. Sie liegt im Bett.
Was danach kommt, konnte er nicht lesen: ihm wird schwarz vor Augen, sein Blick verschwimmt. Denn wie soll man klaren Blick bewahren, während man im Salzwasser ertrinkt? Aber was da stand: Bestattungsinstitut. Das spricht für sich! – Ein größerer und ein kleinerer, zwischen den Zeilen zu lesen: Sarg. Und in Klammern: Aus Erde, Asche, Staub.
Und dann stand da nichts mehr! Mit Staub hörte es auf. Und das tut es ja!
Doch er nahm den Zettel, küsste ihn und steckte ihn in seine Tasche.
Zwei Minuten lang hat er zwei Jahre seines Lebens durchlebt.
Er war kein geknickter Mann, als er die Wohnung endgültig verließ. Im Gegenteil ging er aufrecht, wie ein glücklicher und stolzer Mensch. Wusste er doch, dass er das Wertvollste bereits in Händen halten durfte. So viele, denen das verwehrt blieb!

Universum, Engel, Gott?

Erst denkt man: Ich hatte großes Pech. Nachts um vier in einer guten Gegend Deutschlands. Da war es großes Pech, dass ausgerechnet ich den Griff zwischen die Beine bekam und ausgerechnet ich nachts um Hilfe schreien musste. Wir dachten alle, ich hatte großes Pech und wäre lieber mit dem Fahrrad gefahren.

Jetzt weiß man: Ich hatte großes Glück und ein Fahrrad hätte nichts gebracht. Nachts um vier in dieser guten Gegend Deutschlands sind nämlich bereits viel schlimmere Dinge passiert als das mit den Händen, die zu schnell und zu fest und zu intim an mir landeten. Denn: ich bin nicht allein, ich war nicht die Einzige. Und doch bin ich die Einzige. Die nämlich, die ein normales Leben führen kann. Die, bei der es nur der Griff war und dann war Schluss. Ich hatte so unbeschreiblich großes Glück, dass ich nicht weiß, wem ich zuerst danken soll. Meinem “Mut zu schreien”? Dem Universum, das mir in dieser Nacht doch wohlgesonnen war? Dem Schutzengel, der alles gesehen hat und im richtigen Moment irgendetwas auf die Erde schickte, das ihn wegrennen ließ? Dem lieben Gott, der Gebete erhört und einen anderen Plan für mein Leben hat?

Da ich seit gestern weiß, wovor mich Universum, Engel oder Gott beschützt haben, weiß ich nicht mehr, was ich mit diesem Wissen anstellen soll. Denn eigentlich ist ja alles wie vorgestern. Ich bin glimpflich davon gekommen und vorsichtiger geworden. Aber andererseits: Muss ich mich irgendwie revanchieren? Wenn ja, bei wem? Und wie?

Oktober, Oktober!

Yes, bald geht die Uni los! Sage ich, seit Ewigkeiten vorlesungsloer Mensch, der sich nach Langeweile und Halbzuhören in überfüllten Hörsälen sehnt. Wobei ich mir sicher bin, dass ich spätestens am 21. Oktober gerne wieder mehr Zeit für Sinnlosigkeiten und Shopping Queen hätte (also nicht, dass ich beides nicht trotzdem betreiben würde, aber momentan kann ic es noch ohne schlechtes Gewissen tun). Darum, um das bald kommende, neue, taufrische Semester zu begrüßen, paraphrasiere ich einen ehemaligen Kommilitonen:

“So ist das immer, wenn man einen Text liest: Man glaubt, alles verstanden zu haben, da man alle Wörter kannte. Und wenn man dann den Kommentar zu dem Text liest, fällt einem unweigerlich auf, dass man bestenfalls die Satzzeichen verstanden hat.”

Ich liebe sie, diese hohe Poesie, die zwischen Mensa und Bib entsteht.