Kosmos

I’m back im kölschen Kosmos. Diese Stadt scheint irgendwie ihr ganz eigens Leben zu führen, ist in sich geschlossen und kann ganz wunderbar ohne den Rest der Welt auskommen. Ein gutes Beispiel ist der Arztbesuch, den ich gestern erleben durfte. Ja, erleben.

5 Minuten nach „Ladenschluss“ klingelte ich an der Tür und bat, noch reingelassen zu werden. Ich betrat das schäbige Kellerwartezimmer, wo die Wände mit Karnevalsorden über und über dekoriert waren, und wurde nach zweinminütigem Warten zum behandelnden Arzt durchgewunken. Beim Arzt angekommen, verschrieb er mir nach weiteren zwei Minuten „Magnesium von Aldi, das aus der Apotheke ist viel zu teuer.“ und fing damit an, mich zu meinem Leben zu befragen. Beruf, Herkunft und dann die Frage „Warum hast du dir keinen Kölschen geholt?!“. Ähm. Tja, das ist die Frage, sagte ich zu ihm. Daraufhin begann eine lange Reise durch sein Leben.

Er selbst hätte seiner jetzigen Frau einst empfohlen, keinen Kölner zu heiraten. „Zu spät, ich bin schon von dir schwanger“, entgegnete diese, was zu drei weiteren Kindern und einer bis heute anhaltenden Ehe führte. Mit fünfjährigem „nicht rangelassen“ werden. Auf seine vier studienabbrechende Kinder (der eine davon besitzt im Anschluss an die Praxis ein Café) ist er dennoch stolz. „Die sind ja alle Kölle treu geblieben!“

Ich erfuhr außerdem, dass das vierte Kind ein Versehen und schließlich eine Sturzgeburt im Wohnzimmer war, während er noch im Supermarkt einkaufte. Das Kind hat es trotzdem zur Zahnärztin geschafft (nach abgebrochenem Medizinstudium), während ein anderer Sohn eine Zeit lang in Indonesien „sich selbst suchte“.

Bevor ich ging, wurde noch auf die Gitarre im Behandlungszimmer gezeigt und kurz darauf Richtung Heino-CD im Regal genickt. „Ein guter Freund von mir. Rief mich letztens an, ob ich nicht mit Flüchtlingen Gitarre spielen möchte. Mache ich jetzt immer.“

Ach, Colonia. Du kurioser Kosmos.

Alles wird gut.

Und das am Jubiläum – mal wieder zufällig fiel mir gerade, zwischen Umzugskisten und gepackten Taschen, ausgerechnet ein zu bloggen. Obwohl ich mich eigentlich nur selbst daran erinnern wollte, dass alles gut wird (trotz kaputtem Handy, immer noch fehlender Küche bei einem Einzug in die neue Wohnung, der in drei Tagen stattfinden soll und sonstigen „Unzulänglichkeiten“) hat WordPress mich wiederum daran erinnert, dass mein Blog und ich heute Fünfjähriges feiern.

Herzlichen Glückwunsch also an uns zwei! Lieber Blog, lass es krachen und feiern diesen Meilenstein. Ich überlege mir in der Zwischenzeit, wie ich wieder mobil erreichbar sein kann und wann ich sowohl Kuchen für die Arbeit als auch Umzugssnacks, Verischerungsshit, Küchenspaß und eine kleine Präsentation bis zum Ende der Woche geschafft kriegen soll. Ohne Küche. Halleluja.

Das Geschenk.

Oder die Gnade der europäischen Geburt.

Einen Monat lang bin ich durch drei Länder Asiens gereist, habe dort zwar vornehmlich Tourist gespielt, aber auch ein wenig von einem anderen Leben mitbekommen. Von einem Leben in nordthailändischen Wäldern, am Stadtrand von Phnom Penh oder im dreckigen Gewusel Bangkoks. Jedes Leben dort bringt sicher seine eigenen Herausforderungen und Schwierigkeiten, aber auch seine eigenen Expertisen und Einzigartigkeiten mit sich und ich möchte jetzt nicht den ewig bemitleidenden Europäer spielen. Denn das wäre nicht fair – unseren Tourguide aus dem Dschungel in Thailand bewundere ich für sein unfassbar großes Wissen über Natur, Gefahr und eben Nicht-Gefahr, über seine Fähigkeit, aus Bambus die ganze Welt zu schnitzen und über das scheinbar unzerrüttbare Orientungsvermögen auf unwegsamem Gelände und über Stock und Stein. Und, vor allem, für die Leistung, ohne Unterricht ein so gutes Englisch gelernt zu haben, dass es für zwei Tage mit 10 von ihren Privilegien gelangweilten Europäern reicht. Dennoch, wie ich da durch den Wald gestiefelt oder durch die rotbraunen Straßen Kambodschas gefahren bin: Irgendwann hat mich ein Begriff nicht mehr losgelassen: „Die Gnade der europäischen Geburt“. Wie selbstverständlich habe ich Schulbildung, soziale Sicherheit und Frieden bekommen und angenommen. Was blieb mit hier auch anderes übrig?
Zurück in Deutschland, treibt die digitale Hetze gerade ihren Höhepunkt, während viel zu viele Menschen aufbrechen müssen, um in Europa dem vollkommen berechtigten Wunsch nach Sicherheit und (im wahrsten Sinne des Wortes) Leben nachzukommen. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Und während sich die Welt dumm und dämlich diskutiert, wohin man nun „mit all den Menschen“ solle und warum diese ausgerechnet nach Deutschland wollen, frage ich mich eigentlich nur, ob jemals darüber nachgedacht wurde, was für ein unfassbares Glück es ist, zu genau diesen 82 Millionen Menschen zu gehören, die ausgerechnet in einem Land namens Deutschland geboren wurden.

Friede, Wohlstand und soziale Sicherheit haben wir nämlich nicht gepachtet. Wir haben da kein Monopol drauf und wir haben es auch nicht erfunden. Wir haben nur einfach Glück, zu dieser Generation zu gehören, die bis jetzt noch keinen Krieg mitmachen musste. Wir haben ein völlig unverdientes Geschenk erhalten, ohne irgendeinen Finger dafür gekrümmt haben zu müssen: Wir wurden zu richtigen Zeit am richtigen Ort geboren. Und jetzt kommen da Menschen, die eben zur falschen Zeit am falschen Ort gelebt haben – und dort sicher auch noch weiter leben möchten, aber leider existiert ihr Haus nicht mehr oder es droht, in naher Zukunft nicht mehr zu existieren.

Das Geschenk, das wir (von wem auch immer) durch unsere Geburt im Deutschland der 80er Jahre erhalten haben, ist zuletzt unser Verdienst. Vielleicht der unserer Großeltern und Urgroßeltern, vielleicht der unserer Eltern. Aber primär ist es ein Geschenk an uns, das wir sorgfältig verwahren und vor allen Dingen schätzen sollen – und das wir unbedingt teilen müssen. Denn man wird nicht ärmer, wenn man Glück teilt.

So viele Sprachen!

Ich habe eben den Versuch gestartet, mich über meine eigene Mehrsprachigkeit auszulassen. Er ist gescheitert. Ich versuche nicht weiter, es zu erklären, sondern poste nun einfach dieses Video und werfe Folgendes In den Raum: Wie seltsam eigentlich, dass ich hier alles verstehe? Und wie seltsam eigentlich, dass mein Gehirn das nicht übersetzt, sondern einfach versteht?

Abgesehen von den wirren Gedanken, ist dies ein schönes Lied. Norwegisch übrigens! Wie konnte es nur dazu kommen, dass ich Norwegisch verstehe und heute auch noch dazu eingeladen wurde, an einem Public Viewing teilzunehmen. Ein Public Viewing, das eine Konferenz in Kopenhagen verfolgt. Eine Konferenz über einen schwedischen Dialekt. Über Älvdalska. Lieber Gott, wann ist endlich Schluss mit dieser Freakigkeit?

Wie dem auch sei. Als ich heute im Uniflur stand, unterhielt ich mich mit einem Kommilitonen auf Deutsch. Hinzu kam eine Dozentin, die mich etwas auf Schwedisch fragte und daneben spielte sich ein dänisches Gespräch ab. Alles lief irgendwie in meinem Gehirn problemlos zusammen. Dafür möchte ich dir danken, liebes Gehirn. Danke, dass so viele Sprachen nicht nur Laute für mich sind, sondern tatsächlich Sinn ergeben. Gelobt sei die Brotlosigkeit der Skandinavistik, der Wirrwarr des Russlanddeutschen und die Konsistenz von Schulfranzösisch.

Lukas. Oh Lukas.

Ich habe so viel von dir gelernt. Du warst meine Jugend, mein Sommermärchen und mein Studium, meine Weltmeisterschaft. Du hast das kölsche Herz und den rheinischen Frohsinn. Und nun auch noch eine Kleiderlinie. Lukas, wenn du wüsstest, wie sehr du mir mit diesem Pullover aus der Seele sprichst!

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Lange habe ich darüber nachgedacht, mir zum Abschluss des Studiums einen Pullover meiner Universität zu kaufen, vielleicht sogar auch von beiden. So wie ein Abi-Shirt, das man sich zum Abschluss kauft und dann zweimal beim Grillen anhat, bevor man es höchstens in größter Verlegenheit zum Schlafen anzieht. Das hätte ich mir also gekauft und wäre in zwei Jahren zufällig beim Aussortieren darüber gestolpert und hätte vermutlich kurz wehmutig dreingeblickt und es dann wieder zurück gelegt. Wohin auch anziehen? Weiß doch jeder, dass man irgendwo studiert haben muss?

Aber Lukas, da du nun deine eigenen Uni-Pulli-Linie auf den Markt gebracht hast, sind diese Pläne verworfen. Ich brauche nur noch eins: Die University of Straße. Mit deinem Antlitz.

Hallo ich!

Für ein Ich, das dies hier eventuell in ein paar Jahren lesen wird: Gerade sitze ich mitten in deiner Masterarbeit, die hoffentlich dazu beitragen konnte, dass du heute Geld verdienst und einem Job nachgehst. Denn nichts sehnlicher wünsche ich mir gerade, wo sich die Bücher im Zimmer, die Bücher in der Bin und die Buchstaben im Dokument stapeln: Einen Job, der sich nicht um mich selbst dreht. Wie interessant ich meine Arbeit auch finde, sie soll letztendlich doch nur in 120000 Zeichen bezeugen, dass ich die Buchstaben M und A hinter meinen Namen schreiben kann. Mehr soll sie nicht und mehr wird sie auch nicht leisten. Ich werde damit nicht die Welt retten, ich werde damit keinen einzigen Cent Geld für irgendeine Wirtschaft der Welt einbringen. Diese Arbeit ist schlicht das Zeugnis von jahrelangem Um-Sich-Selbst-Drehen. Daher, liebes Ich der Zukunft, wünsche ich dir, dass du es geschafft hast, dich nicht mehr um dich selbst zu drehen und stattdessen irgendwie etwas Sinnvolles tust – entweder für die Welt oder für die Wirtschaft. Das ist mir egal. Du sollst die Welt nicht retten, aber du sollst irgendwo in der Welt ein bisschen relevant sein. Weiterhin erwarte ich von dir, dass du ab und an mich denkst, wie ich hier an diesem verregneten ersten Mai in meinem Bett sitze (ich hoffe, du hast inzwischen eine Couch zum Ausweichen! Vielleicht sogar mit Fernseher? Das wär ein Traum!) und mich selbst dafür bemitleide, noch 60000 Zeichen vor mir zu haben. Und noch 6 Wochen, in denen diese geschrieben sein müssen. Diese sechs Wochen werden vermutlich zäh und unfassbar schnell zugleich an mir vorbeiziehen. Jeden Tag werde ich an dich denken und mir vorstellen, wie es sich wohl lebt mit einem geregeltem Einkommen. Und wie man sich wohl fühlt, endlich auch etwas zum BIP beitragen zu können. Ab wann sehnst du dich eigentlich zu deinem Ich von 2015 zurück? Ich hoffe gar nicht, ich hoffe, dass du zufrieden damit bist, endlich etwas zum BIP beitragen zu können. Und ich gehe davon aus, dass du zumindest meistens motiviert zur Arbeit gehst. Also, bevor ich nun wieder in einem Strudel aus Schwedischsein, Fußball, Identität und Zlatan Ibrahimovic versinke, lass dir gesagt sein, dass du dennoch eine schöne Studentenzeit hattest. Aber das weißt du sicher.