Scheiße, Deutschland!

Ich steige in die U-Bahn und mein erster Blick fällt auf einen kleinen Jungen. Etwa 8 jahre alt, aber eigentlich kann ich das gerade bei ihm überhaupt nicht einschätzen. Er sitzt da in dieser viel zu vollen Ubahn, um 21.30. Keine Begleitung, kein Erwachsener, der ihm alle fünf Minuten sagen könnte, wie lange es noch ist und, dass er gleich ins Bett kann. Stattdessen drei große, schwere Taschen. Viel größer als meine einzige Reisetasche, über die ich mich schon seit Beginn meiner kleinen Reise beschwere. Und davon zwei. Der kleine Junge kann nicht richtig sitzen, weil auf seinem Rücken immernoch ein breiter Rucksack hängt. Breit, schwer, dreckig, löchrig. Ich gucke genauer in sein Gesicht. Und überlege, wie alt er sein könnte. Er ist blass. Hat wenig kindliche Züge. Keine roten wangen vom vielen Spielen, nur blass und erschöpft. Aber ernsthaft erschöpft. Und er sitzt da und nörgelt nicht. Mit wachen Augen sitzt er da und schaut in der U-Bahn herum.

Zum Glück wird mein Gestarre von einem Satz, den ich höre, unterbrochen. „Wir haben ja 10 Millionen für die Produktion….“ 10 Millionen. Stolze Summe, über die der Mann mit seinen schicken Seglerschuhen da in aller Öffentlichkeit redet. Er faselt etwas von Investoren und Aufnahmen und Drehorten. 2 Millionen für einen Außendreh in den USA. Und eine Million kriegt man schnell. Ich bin geschockt. Mitten in der U-Bahn, umringt von Reisegeplagten redet er über seinen nächsten großen Film. Ich wunder mich, mit wem er da telefoniert. Wer er ist. Fahre ich vielleicht gerade mit einem berühmten Regisseur U-Bahn? Sollte ich deutsche Filmemacher googeln und nach seinem Gesicht suchen?

Und dann kombiniere ich beide Eindrücke. Der Mann sitzt dem Jungen gegenüber, ich stehe zwischen ihnen. Ich gucke auf die Hände des Jungen. Alt, trocken, groß und irgendwie stark. So, als seien sie es gewöhnt, anzupacken. Die großen Taschen sind für sie leider kein Problem. Ich denke weiter über das Alter des Jungen nach. Er kann nicht älter als 10 sein. Aber er wirkt so unglaublich erwachsen. Viel zu erwachsen. Er sitzt da und fährt alleine U-Bahn. Er hat keinen zum Vollnörgeln. Er schleppt zwei Riesentaschen und einen Wanderrucksack mit sich rum. Ich kriege einen dicken Kloß im Hals.

Und dann wieder das Gespräch über den Dreh. Eine Million kriegt man ja schnell, beruhigt der Mann seinen Gesprächspartner.

Es fällt mir schwer, zu glauben, dass beide Eindrücke eigentlich einer einzigen Situation angehöre, in genau dem gleichen Moment abspielen. Innerhalb eines Quadratmeters. Und ich werde traurig. Nicht mal wütend auf den Mann, der mit seinen Millionen prahlt. Einfach nur traurig. Ich frage mich, was eigentlich noch passieren kann. Und ich wunder mich, wo manche Menschen ihre Schamgrenze haben. Und mittendrin schäme ich mich, dass ich da stehe mit meinen Laptop und den neuen Schuhen. Während links von mir ein Junge in alten Kleidern und zu großen Schuhen sitzt.

Und das einzige, was ich dazu sagen kann, ist: Scheiße, Deutschland! Scheiße, dass Kinder nachts alleine mit ihrem ganzen Lebensstand U-Bahn fahren müssen. Scheiße, dass man einem kleinen Jungen seine Lebenserfahrung ansehen muss. Scheiße, dass auf der anderen Seite des Quadratmeters ein anderer mit Millionen spielt. Scheiße, dass ich mich schäme und ganz unbeholfen da stehe. Mit einem Kloß im Hals, der keinem hilft und die Welt nicht besser macht. Scheiße, Deutschland, was hast du dir dabei gedacht?

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