Wie die Wassermelone nach Italien kam.

Irgendwann, als ich noch zahnlückig täglich in die Dorfgrundschule spazierte, hatte unsere Lehrerin einen ganz grandiosen Einfall. So grandios, dass sie sich selbst dafür wahrscheinlich die Ehrendoktorwürde geben würde. Und ich gehe fest davon aus, dass auch heute noch Lehrer mit dieser Überzeugung ihrer Genialität mit geschwellter Brust durch ihre Landen hüpfen, wenn sie eine Projektwoche zum Thema „Länder Europas“ gestartet haben.

Jedes Kind sollte ein Land vorstellen. Was ich hatte, weiß ich nun überhaupt nicht mehr. Es war wohl nicht der Erinnerung wert. Aber ich weiß noch ganz genau, welches Land L damals vorstellen durfte. Italien. Italien, weil sie dort ein Ferienhaus hat und immer, auch über die Feiertag, dort war. Immer Italien. Italien. Italien. L musste nun Italien vorstellen. Und tat dies und wusste alles und konnte sogar Hallo auf Italienisch und wusste sogar, was Rom sonst noch kann als Hauptstadt zu sein. Alles wusste sie. Auch die Farben der Flagge. Und das wurde mir zu einem lebennslangen Verhägnis.

L nahm zu ihrer Präsentation auch eine Wassermelone mit. Eine aufgeschnittene solche und erklärte anhand dieser aufgeschnittenen, saftigen Wassermelone die Farben der Flagge Italiens. Grün-weiß-rot. Grün wie die Schale der Wassermelone. Weiß wie dieses Zwischending. Rot wie das Fruchtfleisch.

Ihre Handbewegung und ihre Worte schwirren mir nun seit 15 Jahren im Kopf herum. Ich kriege diese Bild, wie L da sitzt mit ihrer Wassermelone und ihrer alles überstrahlenden Altklugheit über die Parallelen zwischen Wassermelone und Flagge nciht mehr aus dem Kopf. Gebrandmarkt bin ich mit Wassermelone und Flagge.

L, an dich: Einerseits Danke, dass ich für mein ganzes Leben nicht vergessen werden, wie die Reihenfolge der italienischen Flagge ist.

Aber andererseits. AH! Ich kann nicht in Ruhe Wassermelone essen, ohne an Italien zu denken. Und an meine Grundschule. Ich kann nciht einfach nur eine Wassermelone aufschneiden und sagen: „Oh lecker, Wassermelone.“ Ich muss immer an Italien denken. Auch nach dem Halbfinale 2006. Da war es durchaus schmerzlich, Wassermelone zu essen. Vielleicht vermied ich es auch in diesem Sommer.

Ich kann auch nicht ohne weiteres ein Fußball-Länderspiel sehen, ohne an Wassermelone zu denken. Unweigerlich erscheint in meinem Kopf das Bild von L auf ihrem Grundschulstuhl, die Wassermelone haltend und den Vergleich zur Flagge ziehend. Im Winter, an einem grauen Februar-Tag muss ich dann an Wassermelone denken, weil Deutschland gestern gegen Italien spielte. Unentschieden. Aber das ist ein anderes Thema.

ALso L. Du siehst nun, was du angerichtet hast.

Wassermelone und Italien werden für immer einen besonderen Platz in meinem Gehirn haben. Es ist schrecklich.

p.s.: Ich habe es vermieden, ein Bild der Flagge einzufügen. WM 2006 und so. Die Wassermelone ist anschaulich genug. Und liebe Lehrerin, das war eine ganz furchtbare Idee mit dieser Projektwoche.

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