Ein anderes Thema

Ich kam aus der schönsten aller Städte wieder und begann ein Praktikum in einem Marktforschungsinstitut. Eigentlich nur aus Langeweile und eigentlich hatte ich in genau dem Institut auch schon ein Praktikum gemacht. Und das wurde gut bezahlt, also hatte ich die Hoffnung, auch hier wieder etwas dazu zu verdienen. Also eigentlich war mir das Praktikum egal, ich wollte einfach nur Geld und der dörflichen Langeweile entfliehen. Während ich da war, lief eine Studie über Integration und wie integriert MIgranten sind und wie Deutsche das finden und was man dafür machen muss und wie man sich integriert und ob man überhaupt Migrantenfreunde haben darf. All das Zeug. Ja, dachte ich, interessant, mal zu Integration und MIgranten zu arbeiten.

An meinem ersten Tag stellte sich allerdings heraus, dass ich eine von ihnen bin.  Eine Person mit „Migrationshintergrund“. Und komischerweise war ich davon überrascht. Vorher hatte ich nicht wirklich darüber nachgedacht, dass auch ich zu der Personengruppe gehörte, über die so viel geschimpft und diskutiert wird. Und dass ich nicht einfach nur deutsch bin. Aber ich bin ziemlich deutsch. Ich habe den deutschesten aller deutschen Namen. Ich rege mich über verspätete Züge auf. Ich runzel viel zu häufig die Stirn. Ich würde meine Liege im Urlaub morgens auch reservieren (wenn ich denn jemals Bock auf Strandurlaub hätte…). Ich kann über die Qualität von Brot in einer allzu deutschen Hochnäsigkeit reden. Und ich bin der Meinung, dass Ordnung das halbe Leben ist. Oder nicht.

Ich bin kein Migrant. Ich kann nicht mal die Sprache des Landes, dem ich meinen Migrationshintergrund zu verdanken habe. Ich finde russische Fernsehshows kitschig. Ich verstehe diese ganzen Konzertshows nicht. Für jeden russischen Witz brauche ich einen erklärenden Prolog. Und selsbt dann habe ich ihn nicht richtig verstanden. Hinterher muss mir immer noch der kulturelle Zusammenhang erklärt werden. Ich verstehe nicht, was an Heringschichtsalat so lecker ist. Noch nie habe ich das verstanden. Ich weiß immer noch nicht, warum man sich Teppiche an die Wände hängt. Russenpartys kenne ich nur aus Erzählungen. Denn ich kenne nicht mal Russlanddeutsche, die mich dazu einladen könnten.Und russische Süßigkeiten sind mir viel zu „grob“. Also nein, ich bin kein Migrant.

Und dann merkte ich, wie ich Vorurteile selbst gegen mich verwendete. Ein Migrant hat gebrochen deutsch zu sprechen. Russlanddeutsche leben nur unter sich. Und eigentlich sind das ja auch Russen. Ist doch kein Unterschied. Sie feiern eigene Russenpartys und hören Russenmusik. Sie heißen Olga, Eduard und Eugen. Und alle stehen sie auf Kitsch. Kitsch in allen Farben und Formen. Bei der WM jubeln sie für Russland. Und notfalls auch für Deutschland, um ihren Integrationsstand zu demonstrieren. Ja, Migranten haben nur im Notfall Bock auf Deutschland.

Und ich, ich gehöre nicht dazu. Ich male mir schwarz-rot-goldene Herzchen auf die Wange. Auch bei der EM. Und auch für die Handballer. Es zerreißt mir nicht das Herz, wenn Russland gegen Deutschland spielt. Wenn Deutschland veliert bin ich sauer und ziehe nicht den Russland-Trumpf aus dem Ärmel.

Selbst wenn ich irgendwann irgendwo und irgendwie zufälligerweise erwähne, dass ich Russlanddeutsche bin, glauben viele an einen Scherz. Auch langjährigen Freunden muss ich immer wieder aufs Neue erklären, wie es um meine Migration steht. Meine Eltern sind in Russland aufgewachsen. Ich bin in Deutschland geboren. Meine Eltern waren die Ausländer in Russland. Und jetzt sind sie hier, in dem Land, aus dem unsere Vorfahren kommen. Und jetzt bin ich eine ganz normale Deutsche.

Aber nein. Ganz normal dann doch nicht. Ich liebe russische Pilmeni. Borschtsch ist für mich Heimat. Wenn meine Mutter Borschtsch macht, denke ich an „nach der Schule völlig durchfroren nach Hause kommen und erstmal ein warmes Süppchen essen“. Wenn meine Eltern miteinander deutsch sprechen, empfinde ich das als künstlich. Nicht, weil es künstlich klingt. Sondern, weil meine Eltern verdammt nochmal russisch zu sprechen haben. Damit ich ihnen das abkaufe. Nichts geht über russische Gastfreundschaft. Deutsche machen genau so viel essen, dass man gerade so satt wird. Bei uns wird immer für eine demnächst möglicherweise anstehende Dürre gekocht. Und vielleicht kommt noch spontan Besuch, der seit vier Tagen nichts mehr gegessen hat. Alle müssen satt werden. Ich liebe es, wenn bei Familienessen ein buntes Wirr-Warr aus russisch und deutsch gesprochen wird. Ich liebe es, wenn jemand einen Satz auf russisch anfängt und auf deutsch beendet. Und keiner hats gemerkt. Und auf Hochzeiten schäme ich mich manchmal für all den Kitsch. Aber ohne Kitsch fänd ich eine Hochzeit irgendwie traurig.

Und dann vielleicht doch. Vielleicht habe ich doch etwas mit dem Geburtsland meiner Eltern zu tun. Es ist nicht so offensichtlich wie bei anderen, aber so ein ganz normaler Deutscher will ich auch nicht sein. Naja, was ist denn schon normal. Aber auf eine Familie, die seit Generationen im gleichen Dorf lebt, hätte ich nun wirklich keine Lust. Ich freue mich immer über Geschichten und Anekdoten aus Russland. Ich finde es schade, dass ich dort nie war. Und ich müsste jetzt endlich mal richtig russisch lernen. Traurig genug, dass meine Integration so weit fortgeschritten ist, dass ich nächstes Semester einen Russisch-Anfänger-Kurs an der Uni blegen werde. Traurig genug, dass ich nichtmal Borschtsch kochen kann. Und dass ich nie den Sinn von an Wänden hängenden Teppichen verstanden habe.

Und was ist jetzt mit mir? Zähle ich als „richtige Migrantin“?

Ja. Aber als eine, die sich nie um ihre Integration Gedanken machen musste. Und eine, die eben einfach einen etwas weiteren Horizont durch ihren „Hintergrund“ bekommen hat. Und das ist gut so. Ich bin froh, dass ich nicht als allererstes „die Ausländerin“ bin. Und so sollte sich keiner fühlen. Jeder ist irgendwo Ausländer. Und was macht das dann? Ungefähr genau gar nichts. Doch, es macht das Leben einfach bunter. Ich liebe Pizza, so mancher Döner hat mir nachts schon das Leben gerettet und ohne all die lebensfrohen Südländer wäre Deutschland ein ziemlich trauriges Land.

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