Sommergefühle

Ich wollte mich nie über Wetter beschweren. Ich tu es doch. Denn zu DIESER Jahreszeit ist DIESES Wetter unentschuldbar. Von wem auch immer ich mir eine Entschuldigung einbilde. Aber unentschuldbar ist, dass wir Juli haben und ich nun gleich mit Herbstjacke einkaufen gehen werde. Ich war eben schon mit Frühlingsjacke draußen und habe gefroren. Unentschuldbar ist, dass ich mir gerade eine große Tasse heißen Kakao wünsche. Unentschuldbar ist, dass wir Sommersemester haben und ich nicht einmal ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich nicht raus gehe.

Und noch viel unentschuldbarer ist, dass ich schon vor lauter Frustration angefangen habe zu zeichnen. Mit einem grünen Fineliner. Ich werde das Kunstwerk, das übrigens eine Gewisse Gräfin von Camebridge zeigt, nicht veröffentlichen. Als Begründung hier ein Kommentar meiner Grundschulkunstlehrerin: „Mit Wasserfarben kannst du nicht so gut umgehen.“

Und jetzt stelle man sich vor, wie schlecht ich dann mit Finelinern umgehen kann. Grausam. Unentschuldbar.

p.s.: Natürlich bin ich nicht einfach so auf diese Zeichen-Idee gekommen. Ich irrte bei Youtube umher und fand ein „How to draw Kate Middleton“-Tutorial. Ich war auf der Suche nach einem Interview mit ihr. So, jetzt höre ich auf, mich reinzureden.

Eine Liebe. Lebenslang.

Meine Liebe zu Thomas Gottschalk ist bekannt. Meine Liebe zu Peter Urban wurde hier noch nicht erörtert, aber dürfte verständlich sein. Und wie viele andere Menschen in dieser Republik, empfinde ich auch starke Gefühle für weitere zwei Menschen des öffentlich-rechtlichen Milieus.

Günter und Gerhard.

Netzer und Delling. Ihr Freundschaft, ihre Mitmenschlichkeit, ihre Fachkompetenz, ihre gegenseitige Anerkennung.

Es ist ein zu weites Feld, diese Liebe in Worte zu packen. Aber seid gewiss, diese Liebe ist groß. Und stark.

Filme und ich.

Es ist soweit. Zum wahrscheinlich ersten Mal in meinem Leben kann ich einen Film von vorne bis hinten, oben nach unten und außen nach innen loben. Ja, Freunde, ihr hört richtig. Ich war im Kino und habe, ganz freiwillig!, einen Film gesehen und keine Sekunde, keinen kurzen Augenblick daran gedacht, einfach rauszugehen.

Fangen wir vorne an. Fangen wir an, als diese schwierige Beziehung, die der Film und ich zueinander hegen, begann.

Kasperle-Theater, irgendwann im Kindergarten. Die Erzieherinnen der Sonnenscheingruppe haben den wundervollen Einfall, mit ihren Kindern ins Kasperle-Theater zu gehen. Ein bisschen frühkindliche Kultur, dachten sie sich wahrscheinlich. Was sie nicht bedacht haben, war, dass da ein Kind in ihrer Gruppe ist, für das dieser Ausflug lebensprägend sein wird. Das Kind bin ich.

Ich sitze in der ersten Reihe, fünf Jahre alt, die Kleinste meiner Altersgruppe. Man dachte, man tut mir einen Gefallen und setzte mich in die erste Reihe. Nichts fataler als das. Kasperle erscheint. Ich kriege eine Gänsehaut. Denn Kasperle erscheint nicht einfach nur, Kasperle begrüßt das Publikum. Alle schreien zurück und freuen sich und oh, Mein Gott, Kasperle ist da. NUr ich nicht. Ich kriege eine schlimme Gänsehaut und schweige. Und hätte ich mit meinen 5 Jahren die Uhr lesen können, wäre zu diesem Zeitpunkt der erste Blick auf meine Flick-Flack-Armbanduhr gefallen. Wie lange noch?

Wie lange muss ich mir das noch antun? Schreiende Kinder, die Kasperle Tipps geben. Kasperle, der die Kinder fragt, ob sie den bösen Wolf (?) gesehen haben. Der dumme Polizist, der den Bösen ständig verpasst. Und die Kinder, die den Polizisten anschreien, dass er nach links gehen soll. Der dumme Polizist, der alles missversteht und dann nach rechts geht. Ich sitze da und schäme mich, werde rot, kriege Gänsehaut, möchte hier raus. Aber ich sitze in der ersten Reihe. Ich kann nicht fliehen, vor diesem geballten Fremdscham. Fremdschämen begann bei mir sehr früh, mit zarten 5 Jahren im Kasperle-Theater.

Fremdschämen zog sich fortan wie ein roter Faden durch meine Filmeliebhaber-Karriere. Schon damals im Kasperle-Theater war mir das alles viel zu unrealistisch. Dieser dumme Polizist, als ob den jemand einstellt. Dieser scheiß Kasper, warum interessiert sich jemand für ihn? Und so geht es weiter. Keinen einzigen Film konnte ich gucken, ohne an der Realitätsnähe zu zweifeln und selbst bei Dirty Dancing habe ich etwas daran auszusetzen, dass der Tänzer rein zufällig oberkörperfrei, aber doch mit Tanzschuhen bekleidet in seiner Bude umherflaniert. Allzeit bereit für den Tanz mit Baby. Ich möchte keinem Dirty Dancing verderben, aber es gibt genügend Aspekte, die einfach nerven.

Und die nerven mich so sehr, dass ich nach den ersten 10 Minuten eines Filmes hoffe, schon die Hälfte geschafft zu haben. Geschichten könnten sich doch so viel schneller erzählen lassen als in 120 Minuten. Oder? Ja. Filme sind chronisch zu lang. Und da mich das so sehr belastet, fange ich bei Filmen meistens an zu schnaufen. Tief, tief einatmen und langsam, aber unabsichtlich laut ausatmen. Und tiefes Einatmen ist generell laut. Sprich: Ich nerve, weil mich Filme nerven. Ich werde bösen von der Seite angeguckt, weil ich schnaufe. Dann stehe ich eben auf und mache irgendwas anderes. Esse laut Chips. Auch das nervt anscheinend. Dann stehe ich eben auf und mache gar nichts, laufe einfach nur herum. Auch damit nerve ich. Filme und ich. Keine gute Kombination, vor allem nicht für die Menschen, die mit mir Filme gucken müssen.

Aber dann kam Freitag und ich durfte zum ersten Mal in meinem Leben erfahren, warum man freiwillig Filme guckt. Keine Sekunde, kein kurzer Augenblick, in dem ich auf meine Uhr gucken wollte und mir nach 10 Minuten gutzureden musste, da ich doch noch nicht die Hälfte geschafft hatte. Kein Moment zu lang, logische, realistische Handlung und kein Geschnulze. Keine offenen Türen und jemand geht ohne Schlüssel aus dem Haus. (Noch so etwas, worüber ich mir beim Filme schauen Gedanken mache.) Keine Liebesszene, bei denen ich mich schämen muss. Kein dummer Polizist, der den bösen Mann verpasst. Nichts. Einfach ein guter, guter Film: Simin und Nader.

Zeit für Besuch

Am Samstag nämlich, da ist es an der Zeit für einen feinen Besuch. Seit wir uns kennen, haben wir mit regelmäßigen Abständen stets neue Namen füreinander gefunden. Und leider erinner ich mich nur an die wenigsten klangvollen Namen, die wir füreinander hatten. Natürlich nannten wir und Wolfi und Friedrich, in Anlehnung an die beiden großen Herren der Literaturgeschichte, die auch eine Art literarische Freundschaft verband. Und natürlich nannten wir uns auch Carl und Roderich, die beiden Jungs aus Schillers Don Carlos. Die Hauptfigur und sein bester Freund also. Und natürlich kamen wir nicht drum herum, uns Andi und Olli zu nennen. Die beiden Großen der neueren deutschen Fußballgeschichte. Der eine der beste Torhüter, der andere der erste und letzte siner Art. Eine Art, die das Golden Goal schießen durfte. Und dann war klar, dass wir auch zwei Frauen aus der Bibel darstellen, für eine gewisse Zeit. Silpa und Bilha. Unklar, wofür diese Frauen jemals standen. Aber es klang zu unsinnig, um uns nicht gegenseitig so zu nennen. Und dann, irgendwann bei einer Party am See, kam die Eingebung, ich sei Freitag und sie sei Robinson und gemeinsam entdeckten wir eine Piraterie am Horizont.

Ja, wirre Gedanken, keiner soll es verstehen. Aber ich dachte, es wäre mal ganz schlau, die Bruchstücke meiner Erinnerung hier festzuhalten. Damit ich die wenigen Namen, die ich noch im geplagten, gelangweilten und momentan von Günter Grass geschundenen Gehirn herberge, einmal manifestiere. Für die Zukunft quasi.

Ach ja. Und noch etwas für die Zukunft: Unsere momentanen Anreden liegen bei Udo und Stefanie. Die beiden, die die öffentlich-rechtliche Schlagerwelt bei Zeiten beglücken.

Es ist schön, Freunde zu haben, mit denen man, obwohl man sich lange nicht sieht und spricht, nie bei Null anfangen muss. Sondern einfach so tun kann, als hätte es entfernte Städte und Auslandsaufenthalte nie gegeben.

Etwas ganz Besonderes.

Wenn ich höre, dass studierende Migrantenkinder eine Art Erfolgsstory sind, fühle ich mich diskriminiert. Wenn sich jemand darüber wundert, dass ich Migrantenkind bin, fühle ich mich diskriminiert. Wenn ich mitkriege, wie jemand dafür bewundert wird, dass er als Migrant so fließend Deutsch spricht, fühle ich mich diskriminiert. Wenn ich sehe, dass Migranten nun Dolmetscher bei Arzt, Amt und Behörde zur Verfügung gestellt werden, fühle ich mich diskriminiert. Wenn ich erlebe, wie über die aggressiven Migrantenkinder geschimpft wird, fühle ich mich diskriminiert. Wenn ich bei Erzählungen über irgendwelche Leute den Zusatz „der ist Türke“ höre, ohne, dass dieser Zusatz relevant ist, fühle ich mich diskriminiert.

Dass studierende Migrantenkinder eine Art Erfolgsstory sind, setzt voraus, dass es Migrantenkinder normalerweise zu nicht viel bringen können. Dass sich jemand wundert, wenn er hört, dass ich Migrantenkind bin, setzt voraus, dass Migrantenkinder eigentlich viel undeutscher sind als jedere andere Mensch hier. Dass sie irgendwie auffallen. Dass jemand für seine Deutschkenntnisse bewundert wird, setzt voraus, dass von Migranten nicht selbsverständlicherweise erwartet wird, fließend deutsch zu können. Dass ein Dolmetscher beim Arzt dabei ist, setzt voraus, dass sie ihre intimsten Informationen nicht alleine äußern können. Dass über aggressive Migrantenkinder geschimpft wird, setzt voraus, dass deutsche Kinder selten aggressiv sind. Dass es den Menschen wert ist, immer den Nationalitätszusatz zu nennen, setzt voraus, dass es hier anscheinend wichtig ist, wo die Wurzeln der Familie liegen und dass das einen erheblichen Unterschied macht im Umgang mit diesen Menschen.

Ich studiere. Meine Eltern haben mal in einem anderen Land gelebt. Man merkt es mir anscheinend nicht an. Ich spreche und schreibe besser Deutsch als manch anderer, ganz normaler Deutscher. Ich kann meine Bedürfnisse äußern. Meine Eltern können das, meine Oma kann das. Ich schreibe Bewerbungen für meine Freunde, allesamt Deutsche. Wenn ich Blödsinn gemacht habe, ist noch kein Lehrer auf die Idee gekommen, das auf mein Russlanddeutschsein zu schieben. Mir ist egal, ob die Eltern des pöbelnden Jugendlichen aus Gelsenkirchen oder Ankara kommen. Ganz. Egal.

Darf es nicht normal sein, als Kind mit Migrationshintergrund ein ganz normales Kind zu sein, dessen Migrationsgeschichte nie hervorgehoben wurde? Ein Kind, dessen Verhalten noch nie auf seine „Herkunft“ geschoben wurde? Darf das nicht normal sein?

Warum ist das nicht normal? Warum muss ich, die immer und immer wieder die Geschichte ihrer Familie erklären muss, inkognito als Deutsche leben und ob meines Migrationshintergrundes regelmäßig für Überraschungen sorgen? Warum kann es nicht ganz normal und selbstverständlich sein, gar nicht überraschend also, dass Kinder wie ich auch Migrationshintergund haben?

Ich mag das nicht, dass nur die Negativbeispiele das Bild des Prototypen „Migrant“ prägen. Ich mag das nicht. Hört auf damit, ihr Menschen aller Herkunft!

Ein Wasserschaden

Ach, es ist doch immer wieder schön, wenn spontan ein Maler an der Tür klingelt und freudig grinsend mit seinem Pinsel wedelt und einen Wasserschaden entfernen möchte, von dem die WG-Mitbewohner nichts wissen. Schön.
Dann suchen wir ihm eben einen Wasserschaden, wenn der Fachmann schon da ist. Und schwups, steht er mit Leiterchen und Farbe im Flur und streicht. Und streicht und streicht und streicht.

So schön, wie einfach man Maler glücklich machen kann.

p.s.: So vor 2 Minuten in meiner WG geschehen. Auf die WG-Leberei!