Etwas ganz Besonderes.

Wenn ich höre, dass studierende Migrantenkinder eine Art Erfolgsstory sind, fühle ich mich diskriminiert. Wenn sich jemand darüber wundert, dass ich Migrantenkind bin, fühle ich mich diskriminiert. Wenn ich mitkriege, wie jemand dafür bewundert wird, dass er als Migrant so fließend Deutsch spricht, fühle ich mich diskriminiert. Wenn ich sehe, dass Migranten nun Dolmetscher bei Arzt, Amt und Behörde zur Verfügung gestellt werden, fühle ich mich diskriminiert. Wenn ich erlebe, wie über die aggressiven Migrantenkinder geschimpft wird, fühle ich mich diskriminiert. Wenn ich bei Erzählungen über irgendwelche Leute den Zusatz „der ist Türke“ höre, ohne, dass dieser Zusatz relevant ist, fühle ich mich diskriminiert.

Dass studierende Migrantenkinder eine Art Erfolgsstory sind, setzt voraus, dass es Migrantenkinder normalerweise zu nicht viel bringen können. Dass sich jemand wundert, wenn er hört, dass ich Migrantenkind bin, setzt voraus, dass Migrantenkinder eigentlich viel undeutscher sind als jedere andere Mensch hier. Dass sie irgendwie auffallen. Dass jemand für seine Deutschkenntnisse bewundert wird, setzt voraus, dass von Migranten nicht selbsverständlicherweise erwartet wird, fließend deutsch zu können. Dass ein Dolmetscher beim Arzt dabei ist, setzt voraus, dass sie ihre intimsten Informationen nicht alleine äußern können. Dass über aggressive Migrantenkinder geschimpft wird, setzt voraus, dass deutsche Kinder selten aggressiv sind. Dass es den Menschen wert ist, immer den Nationalitätszusatz zu nennen, setzt voraus, dass es hier anscheinend wichtig ist, wo die Wurzeln der Familie liegen und dass das einen erheblichen Unterschied macht im Umgang mit diesen Menschen.

Ich studiere. Meine Eltern haben mal in einem anderen Land gelebt. Man merkt es mir anscheinend nicht an. Ich spreche und schreibe besser Deutsch als manch anderer, ganz normaler Deutscher. Ich kann meine Bedürfnisse äußern. Meine Eltern können das, meine Oma kann das. Ich schreibe Bewerbungen für meine Freunde, allesamt Deutsche. Wenn ich Blödsinn gemacht habe, ist noch kein Lehrer auf die Idee gekommen, das auf mein Russlanddeutschsein zu schieben. Mir ist egal, ob die Eltern des pöbelnden Jugendlichen aus Gelsenkirchen oder Ankara kommen. Ganz. Egal.

Darf es nicht normal sein, als Kind mit Migrationshintergrund ein ganz normales Kind zu sein, dessen Migrationsgeschichte nie hervorgehoben wurde? Ein Kind, dessen Verhalten noch nie auf seine „Herkunft“ geschoben wurde? Darf das nicht normal sein?

Warum ist das nicht normal? Warum muss ich, die immer und immer wieder die Geschichte ihrer Familie erklären muss, inkognito als Deutsche leben und ob meines Migrationshintergrundes regelmäßig für Überraschungen sorgen? Warum kann es nicht ganz normal und selbstverständlich sein, gar nicht überraschend also, dass Kinder wie ich auch Migrationshintergund haben?

Ich mag das nicht, dass nur die Negativbeispiele das Bild des Prototypen „Migrant“ prägen. Ich mag das nicht. Hört auf damit, ihr Menschen aller Herkunft!

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