Filme und ich.

Es ist soweit. Zum wahrscheinlich ersten Mal in meinem Leben kann ich einen Film von vorne bis hinten, oben nach unten und außen nach innen loben. Ja, Freunde, ihr hört richtig. Ich war im Kino und habe, ganz freiwillig!, einen Film gesehen und keine Sekunde, keinen kurzen Augenblick daran gedacht, einfach rauszugehen.

Fangen wir vorne an. Fangen wir an, als diese schwierige Beziehung, die der Film und ich zueinander hegen, begann.

Kasperle-Theater, irgendwann im Kindergarten. Die Erzieherinnen der Sonnenscheingruppe haben den wundervollen Einfall, mit ihren Kindern ins Kasperle-Theater zu gehen. Ein bisschen frühkindliche Kultur, dachten sie sich wahrscheinlich. Was sie nicht bedacht haben, war, dass da ein Kind in ihrer Gruppe ist, für das dieser Ausflug lebensprägend sein wird. Das Kind bin ich.

Ich sitze in der ersten Reihe, fünf Jahre alt, die Kleinste meiner Altersgruppe. Man dachte, man tut mir einen Gefallen und setzte mich in die erste Reihe. Nichts fataler als das. Kasperle erscheint. Ich kriege eine Gänsehaut. Denn Kasperle erscheint nicht einfach nur, Kasperle begrüßt das Publikum. Alle schreien zurück und freuen sich und oh, Mein Gott, Kasperle ist da. NUr ich nicht. Ich kriege eine schlimme Gänsehaut und schweige. Und hätte ich mit meinen 5 Jahren die Uhr lesen können, wäre zu diesem Zeitpunkt der erste Blick auf meine Flick-Flack-Armbanduhr gefallen. Wie lange noch?

Wie lange muss ich mir das noch antun? Schreiende Kinder, die Kasperle Tipps geben. Kasperle, der die Kinder fragt, ob sie den bösen Wolf (?) gesehen haben. Der dumme Polizist, der den Bösen ständig verpasst. Und die Kinder, die den Polizisten anschreien, dass er nach links gehen soll. Der dumme Polizist, der alles missversteht und dann nach rechts geht. Ich sitze da und schäme mich, werde rot, kriege Gänsehaut, möchte hier raus. Aber ich sitze in der ersten Reihe. Ich kann nicht fliehen, vor diesem geballten Fremdscham. Fremdschämen begann bei mir sehr früh, mit zarten 5 Jahren im Kasperle-Theater.

Fremdschämen zog sich fortan wie ein roter Faden durch meine Filmeliebhaber-Karriere. Schon damals im Kasperle-Theater war mir das alles viel zu unrealistisch. Dieser dumme Polizist, als ob den jemand einstellt. Dieser scheiß Kasper, warum interessiert sich jemand für ihn? Und so geht es weiter. Keinen einzigen Film konnte ich gucken, ohne an der Realitätsnähe zu zweifeln und selbst bei Dirty Dancing habe ich etwas daran auszusetzen, dass der Tänzer rein zufällig oberkörperfrei, aber doch mit Tanzschuhen bekleidet in seiner Bude umherflaniert. Allzeit bereit für den Tanz mit Baby. Ich möchte keinem Dirty Dancing verderben, aber es gibt genügend Aspekte, die einfach nerven.

Und die nerven mich so sehr, dass ich nach den ersten 10 Minuten eines Filmes hoffe, schon die Hälfte geschafft zu haben. Geschichten könnten sich doch so viel schneller erzählen lassen als in 120 Minuten. Oder? Ja. Filme sind chronisch zu lang. Und da mich das so sehr belastet, fange ich bei Filmen meistens an zu schnaufen. Tief, tief einatmen und langsam, aber unabsichtlich laut ausatmen. Und tiefes Einatmen ist generell laut. Sprich: Ich nerve, weil mich Filme nerven. Ich werde bösen von der Seite angeguckt, weil ich schnaufe. Dann stehe ich eben auf und mache irgendwas anderes. Esse laut Chips. Auch das nervt anscheinend. Dann stehe ich eben auf und mache gar nichts, laufe einfach nur herum. Auch damit nerve ich. Filme und ich. Keine gute Kombination, vor allem nicht für die Menschen, die mit mir Filme gucken müssen.

Aber dann kam Freitag und ich durfte zum ersten Mal in meinem Leben erfahren, warum man freiwillig Filme guckt. Keine Sekunde, kein kurzer Augenblick, in dem ich auf meine Uhr gucken wollte und mir nach 10 Minuten gutzureden musste, da ich doch noch nicht die Hälfte geschafft hatte. Kein Moment zu lang, logische, realistische Handlung und kein Geschnulze. Keine offenen Türen und jemand geht ohne Schlüssel aus dem Haus. (Noch so etwas, worüber ich mir beim Filme schauen Gedanken mache.) Keine Liebesszene, bei denen ich mich schämen muss. Kein dummer Polizist, der den bösen Mann verpasst. Nichts. Einfach ein guter, guter Film: Simin und Nader.

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