Neuwahlen

Damals war alles gut. Herr Kohl hat die Mauer aufgemacht und regierte 16 Jahre das fröhliche Land der Wiedervereinigung. 1998 kam Herr Schröder und schlug einen deftigeren Umgangston an. Alles super. Bis diese Katastrophe mit diesen Landtagswahlen irgendwo kam und Schröders Partei irgendwie angefangen hat, sich als Bundesregierung unwohl zu fühlen. Dann fragte Herr Schröder das Parlament und dann kamen Neuwahlen.

Im Jahr 2005.

2005.

Wir wählen alle 4 Jahre. Wir wählen alle 4 Jahre. VIER. Nicht einmal vier und dann mal drei. Irgendwann mal drei Jahre, nicht wie sonst immer vier. Und dann auch noch im Jahr 2005. Das geht nicht. Das bringt mein Empfinden für Symmetrie gravierend ins Schwanken. Gravierend sage ich. Denn ich will keine Bundesregierung für 4 Jahre wählen, die in so ungeraden Jahren wie 2009 oder, wie jetzt, 2013 ihre Arbeit aufnimmt. Das ist schwer zu rechnen. Ordentlich und richtig war es mit den geraden Zahlen. Da wusste man: 1982 kam Kohl. 86 wurde gewählt, als das mit Tschernobyl war. 90 wieder, als wir Weltmeister wurden. 94 wieder, als Lafontaine noch bei der SPD war. Und dann 98, da kam Schröder. Dann 2002, wieder Schröder. Dann. Dann. Dann 2005. Das passt nicht.

Da geht jeglich Orientierung verloren. Jetzt muss man immer umständlich rechnen. Undgerade zahl plus gerade Zahl. Umständlich, sag ich doch. Das ist genauso haltlos wie, wenn die Olympischen Spiele plötzlich im jahr 2011 wären. Wo kämen wir da hin? Die Welt würde noch mehr aus ihren Bahnen geraten.

So, Herr Schröder. Ich hoffe, Ihnen ist bewusst, in welche Irrungen und Wirrungen sie nicht nur mich, sondern die gesamte Bevölkerung mit ihrer Vertrauensfrage im Jahr 2005 gebracht haben. Untragbar.

Und außerdem. Bei den ungeraden jahr befinde ich mich meisten im Ausland und habe keinen Plan, wen ich wählen soll. So. Ich möchte zurück zu den geraden Wahljahrzahlen. Danke.

p.s.: Ich habe versucht hochzurechnen, wann die nächsten geraden Wahljahre kommen: NIE. Niemals. Wenn alles normal läuft, werden wir immer in ungeraden Jahren wählen müssen. Wir brauchen dringend Neuwahlen. Nächstes Jahr. Ganz ganz dringend. Wirklich.

Der Deutsche an sich.

Neulich hat jemand gesagt, dass er wegen irgendeiner Lapalie Stress mit „Russen“ hatte, unwissend, dass ihm eine dieser Art gegenübersitzt. Stress mit „Russen“ also. Da fühlte ich mich diskriminiert. Natürlich.

Denn Russen sind immer auch gleich Russlanddeutsche und das ist immer die gleiche Art von Mensch und mit denen hat man immer die gleiche Art von Stress. Sie stressen in der Disco, sie stressen in der Bahn, sie stressen, wenn ihnen ein Deutscher nicht passt. Dann kriegt man eben Stress mit denen, weil sie so aufmucken und nach Stress schreien. Weil sie gerade vom braven Borsch-Essen von Oma kamen und nun ihre Aggressionen freilassen müssen. Aggressionen nämlich generell und immer gegen „Deutsche“. Die Russen, wir bleiben beim beliebten Einheitsbegrifft, tragen Ripshirt, haben kurzgeschorene Haare und bevorzugen Bling-Bling-Ketten. Sie treten nur in Horden auf und wollen sich nicht „integrieren“. Sie können kaum Deutsch und schaffen es nicht zum Abitur. Sie bleiben in ihren Diasporas, arbeiten im russischen Supermarkt und essen Borsch, Pilmeni und Blini. Und das mit den Namen hatten wir ja schon. Die feiern kitschige Feste und sind allgemein laut und störend und ach, Gott, was hat man sich da eingefangen. Nur Ärger also, im Land der gesitteten Menschen.

Und ja. Deswegen fühle ich mich diskriminiert. Nicht, weil ich mir all diese Verhaltensweisen zuschreiben könnte und die Ignoranz gegenüber meiner Migranten-Romantik täglich zu spüren bekomme. Nein. Im Gegenteil. Ich hasse Bling-Bling und Checker-Outfits. Ich hasse pubertär-männliches Aufbegehren und alles, was mit dem aggressiven Verteidigen von Ehre und Ruf zu tun hat. Ich hasse es, wenn Leute in der Bahn lautstark und auffällig in einer fremden Sprache über ihre Mitmenschen lästern. Oder ihren geilen Arsch bewerten. Alles schon passiert. Und manchmal hatte ich das zweifelhafte Glück, ganz zufällig diese fremde Sprache zu verstehen. Und dann habe ich es gehasst. Weil ich wusste, dass genau solche Menschen als Abbild ihrer „Migrantengruppe“ bewertet werden. Und ich gehöre auch zu einer dieser Migrantengruppe.

Aber ich trage keine Glitzer und bin nicht kitschig geschminkt und kann leider nicht auf russisch lästern. (Das Leider bezieht sich auf meine unglückliche Unfähigkeit, überhaupt irgendwas auf der Verkehrssprache meiner Familie zu formulieren.) Ich studiere Germanistik, deutscher geht es an der Uni nicht. Ich gebe Nachhilfe in Deutsch, ich kann fließend Deutsch, ich kleide mich nach deutscher Mode, ich lebe in der Abgeschiedenheit deutscher Studenten. Ich darf mir doch aber trotzdem noch erlauben, mir meiner russlanddeutschen Wurzlen bewusst zu sein. Ich darf doch trotzdem noch sauer sein, wenn ich, wie viele andere „Russen“, mit Chaoten und Stressmachern in eine Schublade gesteckt werde. Ich darf doch trotzdem noch verlangen, dass ich genauso russlanddeutsch bin wie jeder andere, der jeden Tag russisch isst, russisch spricht und mit russlanddeutschen Freunden auf Russenparties geht.

Und deswegen fühle ich mich diskriminiert, wenn „die Deutschen“ schlecht über „die Russen“ sprechen. Weil man dabei vergisst, dass es weder „die Deutschen“ noch „die Russen“ gibt.

Normalität I

Ich war letztens essen, oben bei Kaufhof. War im Nachhinein viel zu teuer und bedingt lecker. Wäre es billiger gewesen, hätte es natürlich gemundet wie lange kein Essen zuvor. Egal. Ich war da in der Mittagspause eines Freundes einer Freundin, die mich besucht hat. Besucht und besucht. Sie hatte ein Vorstellungsgespräch in der Nähe meiner Stadt und nahm eine Übernachtungsmöglichkeit bei mir wahr. So ähnlich jedenfalls. Ich traf mich dann mit ihr nach ihrem Vorstellungsgespräch, um wiederum bei dem Treffen zwischen ihr und dem Kumpel dabei zu sein. Die beiden kennen sich aus Shanghai. Ja. Da waren beide nämlich ein Jahr und haben viele kluge Sachen gelernt und können jetzt Chinesisch. Egal. Beide sind also relativ zielstrebig, würde ich sagen. Beide studieren etwas mit Wirtschaft, etwas Wichtiges und Kluges und Lukratives. So ist das. Wichtig und klug und vor allem sinnvoll und vernünftig.

Der Freund jedenfalls, ein Mensch im Anzug, wie auch sonst, macht Praktikum bei einer großen Unternehmensberatung. Sie jedenfalls, eigentlich ein Zeltlagermädchen mit Chucks, hatte das Gespräch bei einer anderen, wichtigen und großen Unternehmensberatung und trug Pumps und Hosenanzug. Lief sehr gut, stellte sie zu Beginn des Mittagessens vor. Sehr gut, ja?, fragte er und lobte ihren ausgezeichnet interessanten Lebenslauf, mit dem sie sich ja abhebe von all den anderen Studenten. Dieser individuelle Lebenslauf, denn nach China gehen nun wirklich die wenigsten. Und das mit 22! Ja ja, dachte ich und fragte mich, ob ich hier eigentlich die Dümmste am Tisch bin. Denn es ging so weiter.

Von nun an, sobald also alle viel zu viel für ihr Essen gezahlt und Höflichkeiten ausgetauscht hatten, drehte sich das Tischgespräch um Lebensläufe und Unternehmensberatungen. Roland Berger ist mir un ein Begriff, BCG auch und McKinsey erst recht. Und Wie sehr man sich dort weiterentwickelt! Und die Einstiegsgehälter ihrer Freunde! Groß und breit, also wirklich groß und breit, wurden Summen genannt, die so halbwüchsige wie ich nun verdienen, bei denen mir schwindelig wurde. Und Bonusmeilen haben sie auch schon, dass sie bald davon alle ihre Urlaubshotels bezahlen können. Und geadelt wurden sie anscheinend auch. Egal. Alles wichtige Menschen also. Wichtig und klug, genau wie ihr Studienfach.

So. Nun sitzt man da also als Germanistin und Ethnologin, schweigt und wird gefragt, ob man eigentlichtlich Idealistin sei. So mit Weltfrieden und so. Und da sitzt man und hört dem angeberischen Treiben zu, fragt sich, ob man eigentlich zu blöd ist für diese Welt. Und überlegt kurz: Bin ich eigentlich Idealsitin? So mit Weltfrieden und so?

Ja. Im Vergleich zu allen, für die Unternehmensberatungen der Sinn ihres Lebens sind, schon. Mit meinem ausgewaschenen Rosenkleid und den ausgelatschten Ballerinas machte ich mich als Friedensapostel neben den Anzügen und Jackets meiner Tischnachbarn recht gut. Mit meinem Wissen, dass nicht jeder bei 80 000€ in einer Firma einsteigen wird, kam ich mir recht realitätsnah vor. Mit meinem lächerlichen Europa-Auslandaufenthalt kam ich mir recht bodenständig vor. Mit meinem großen Interesse für das, was ich studiere, kam ich mir recht glücklich vor. Mit meinen fehlenden Auszeichnung durch hohe Professoren wirkte ich zwar recht mittelmäßig, aber irgendwie machte mich das, am Tisch dieser Überflieger, einzigartig. Einzigartig in Normalität quasi. Und so fällt mir zum Abschluss dieses Textes nur ein Satz ein:

Vor lauter Individualität trugen sie Uniform.