Der Deutsche an sich.

Neulich hat jemand gesagt, dass er wegen irgendeiner Lapalie Stress mit „Russen“ hatte, unwissend, dass ihm eine dieser Art gegenübersitzt. Stress mit „Russen“ also. Da fühlte ich mich diskriminiert. Natürlich.

Denn Russen sind immer auch gleich Russlanddeutsche und das ist immer die gleiche Art von Mensch und mit denen hat man immer die gleiche Art von Stress. Sie stressen in der Disco, sie stressen in der Bahn, sie stressen, wenn ihnen ein Deutscher nicht passt. Dann kriegt man eben Stress mit denen, weil sie so aufmucken und nach Stress schreien. Weil sie gerade vom braven Borsch-Essen von Oma kamen und nun ihre Aggressionen freilassen müssen. Aggressionen nämlich generell und immer gegen „Deutsche“. Die Russen, wir bleiben beim beliebten Einheitsbegrifft, tragen Ripshirt, haben kurzgeschorene Haare und bevorzugen Bling-Bling-Ketten. Sie treten nur in Horden auf und wollen sich nicht „integrieren“. Sie können kaum Deutsch und schaffen es nicht zum Abitur. Sie bleiben in ihren Diasporas, arbeiten im russischen Supermarkt und essen Borsch, Pilmeni und Blini. Und das mit den Namen hatten wir ja schon. Die feiern kitschige Feste und sind allgemein laut und störend und ach, Gott, was hat man sich da eingefangen. Nur Ärger also, im Land der gesitteten Menschen.

Und ja. Deswegen fühle ich mich diskriminiert. Nicht, weil ich mir all diese Verhaltensweisen zuschreiben könnte und die Ignoranz gegenüber meiner Migranten-Romantik täglich zu spüren bekomme. Nein. Im Gegenteil. Ich hasse Bling-Bling und Checker-Outfits. Ich hasse pubertär-männliches Aufbegehren und alles, was mit dem aggressiven Verteidigen von Ehre und Ruf zu tun hat. Ich hasse es, wenn Leute in der Bahn lautstark und auffällig in einer fremden Sprache über ihre Mitmenschen lästern. Oder ihren geilen Arsch bewerten. Alles schon passiert. Und manchmal hatte ich das zweifelhafte Glück, ganz zufällig diese fremde Sprache zu verstehen. Und dann habe ich es gehasst. Weil ich wusste, dass genau solche Menschen als Abbild ihrer „Migrantengruppe“ bewertet werden. Und ich gehöre auch zu einer dieser Migrantengruppe.

Aber ich trage keine Glitzer und bin nicht kitschig geschminkt und kann leider nicht auf russisch lästern. (Das Leider bezieht sich auf meine unglückliche Unfähigkeit, überhaupt irgendwas auf der Verkehrssprache meiner Familie zu formulieren.) Ich studiere Germanistik, deutscher geht es an der Uni nicht. Ich gebe Nachhilfe in Deutsch, ich kann fließend Deutsch, ich kleide mich nach deutscher Mode, ich lebe in der Abgeschiedenheit deutscher Studenten. Ich darf mir doch aber trotzdem noch erlauben, mir meiner russlanddeutschen Wurzlen bewusst zu sein. Ich darf doch trotzdem noch sauer sein, wenn ich, wie viele andere „Russen“, mit Chaoten und Stressmachern in eine Schublade gesteckt werde. Ich darf doch trotzdem noch verlangen, dass ich genauso russlanddeutsch bin wie jeder andere, der jeden Tag russisch isst, russisch spricht und mit russlanddeutschen Freunden auf Russenparties geht.

Und deswegen fühle ich mich diskriminiert, wenn „die Deutschen“ schlecht über „die Russen“ sprechen. Weil man dabei vergisst, dass es weder „die Deutschen“ noch „die Russen“ gibt.

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