Normalität I

Ich war letztens essen, oben bei Kaufhof. War im Nachhinein viel zu teuer und bedingt lecker. Wäre es billiger gewesen, hätte es natürlich gemundet wie lange kein Essen zuvor. Egal. Ich war da in der Mittagspause eines Freundes einer Freundin, die mich besucht hat. Besucht und besucht. Sie hatte ein Vorstellungsgespräch in der Nähe meiner Stadt und nahm eine Übernachtungsmöglichkeit bei mir wahr. So ähnlich jedenfalls. Ich traf mich dann mit ihr nach ihrem Vorstellungsgespräch, um wiederum bei dem Treffen zwischen ihr und dem Kumpel dabei zu sein. Die beiden kennen sich aus Shanghai. Ja. Da waren beide nämlich ein Jahr und haben viele kluge Sachen gelernt und können jetzt Chinesisch. Egal. Beide sind also relativ zielstrebig, würde ich sagen. Beide studieren etwas mit Wirtschaft, etwas Wichtiges und Kluges und Lukratives. So ist das. Wichtig und klug und vor allem sinnvoll und vernünftig.

Der Freund jedenfalls, ein Mensch im Anzug, wie auch sonst, macht Praktikum bei einer großen Unternehmensberatung. Sie jedenfalls, eigentlich ein Zeltlagermädchen mit Chucks, hatte das Gespräch bei einer anderen, wichtigen und großen Unternehmensberatung und trug Pumps und Hosenanzug. Lief sehr gut, stellte sie zu Beginn des Mittagessens vor. Sehr gut, ja?, fragte er und lobte ihren ausgezeichnet interessanten Lebenslauf, mit dem sie sich ja abhebe von all den anderen Studenten. Dieser individuelle Lebenslauf, denn nach China gehen nun wirklich die wenigsten. Und das mit 22! Ja ja, dachte ich und fragte mich, ob ich hier eigentlich die Dümmste am Tisch bin. Denn es ging so weiter.

Von nun an, sobald also alle viel zu viel für ihr Essen gezahlt und Höflichkeiten ausgetauscht hatten, drehte sich das Tischgespräch um Lebensläufe und Unternehmensberatungen. Roland Berger ist mir un ein Begriff, BCG auch und McKinsey erst recht. Und Wie sehr man sich dort weiterentwickelt! Und die Einstiegsgehälter ihrer Freunde! Groß und breit, also wirklich groß und breit, wurden Summen genannt, die so halbwüchsige wie ich nun verdienen, bei denen mir schwindelig wurde. Und Bonusmeilen haben sie auch schon, dass sie bald davon alle ihre Urlaubshotels bezahlen können. Und geadelt wurden sie anscheinend auch. Egal. Alles wichtige Menschen also. Wichtig und klug, genau wie ihr Studienfach.

So. Nun sitzt man da also als Germanistin und Ethnologin, schweigt und wird gefragt, ob man eigentlichtlich Idealistin sei. So mit Weltfrieden und so. Und da sitzt man und hört dem angeberischen Treiben zu, fragt sich, ob man eigentlich zu blöd ist für diese Welt. Und überlegt kurz: Bin ich eigentlich Idealsitin? So mit Weltfrieden und so?

Ja. Im Vergleich zu allen, für die Unternehmensberatungen der Sinn ihres Lebens sind, schon. Mit meinem ausgewaschenen Rosenkleid und den ausgelatschten Ballerinas machte ich mich als Friedensapostel neben den Anzügen und Jackets meiner Tischnachbarn recht gut. Mit meinem Wissen, dass nicht jeder bei 80 000€ in einer Firma einsteigen wird, kam ich mir recht realitätsnah vor. Mit meinem lächerlichen Europa-Auslandaufenthalt kam ich mir recht bodenständig vor. Mit meinem großen Interesse für das, was ich studiere, kam ich mir recht glücklich vor. Mit meinen fehlenden Auszeichnung durch hohe Professoren wirkte ich zwar recht mittelmäßig, aber irgendwie machte mich das, am Tisch dieser Überflieger, einzigartig. Einzigartig in Normalität quasi. Und so fällt mir zum Abschluss dieses Textes nur ein Satz ein:

Vor lauter Individualität trugen sie Uniform.

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