Nicht mein Lebensentwurf

Wie vielleicht bekannt ist, bin ich ein Exil-Dorfkind, das es schon während der Schulzeit kaum zwischen grünen Landschaften und Tante-Emma-Läden ausgehalten hat und dem ersten Ruf der Freiheit Richtung Großstadt  folgte. Da wusste ich noch nicht, wie sehr ich die Stadt lieben würde und wie zunehmend mehr ich dieses Dorfleben „nicht mein Lebensentwurf“ nennen würde.

Es kommt in den Semesterferien öfter vor, dass ich dennoch in das Dorf der Dörfer zurückkehre und dort ein paar Wochen verweile. Meistens aus praktischen Gründen, oft habe ich auch etwas in einer benachbarten Stadt zu tun und ganz, ganz selten, eigentlich fast nie lockt mich mal wieder die Idylle der Stille. Aber wie gesagt: fast nie. Und wenn, dann habe ich meine Ration Ruhe auch innerhalb zweier Tage aufgefüllt. Und dann, wenn ich dann noch ein paar Wochen vor mir habe, in diesem Fleckchen Erde, das von Spargel, Gurken und Zuckerrüben lebt, dann bekomme ich Platzangst. Hier ist alles so eng.

Nicht nur, dass die meisten Straßen hier keine Ampeln besitzen und der Tante-Emma-Laden so groß ist wie die gesamte Gemüse-Abteilung eines durchschnittlichen Supermarktes in der Stadt. Nein. Am engsten hier sind die Menschen, die hier freiwillig leben. Und da meine ich nicht die Omas, die Tag ein, Tag aus an ihren Fenstern sitzen und das „wilde“ Treiben davor beobachten. Auch nicht jene, die ihren Kindern, berechtigterweise, ein behütetes Leben bieten wollen. Nein. Ich meine jene Personen, die etwa in meinem Alter sind und sich hier ein solides Netzwerk Dorftratsch geschaffen haben. Im Laufe der Jahre, in denen sie in sämtlichen Vereien aktiv waren, bei sämtlichen Frisören behandelt und mit sämtlichen Dorftanten angebandelt haben. Und gleichzeitig jene, die noch nie etwas anderes gesehen haben als Dorf, Dorf und Dorf und auf dieser Basis (und auf Basis der Bild-Zeitung) zu sehr gefestigten Meinungen gekommen sind. Und nich davon ablassen.

Solche Menschen sind eigentlich meine Dorffreunde, weil sie eigentlich vollkommen in Ordnung sind und eigentlich früher, als man selbst noch dachte, es sei normal, wenn Busse nur einmal stündlich fahren, noch alles halb so wild war, was Ansichten und Meinungen angeht. Aber man wird älter und manche werden gleichzeitig klüger. Andere versteifen sich auf ihrem konservatiten Müll. Für andere reicht der Horizont bis zur Dorfkirche des nächsten Dorfes. Um das Geschwafel abzukürzen, folgen hier ein paar Thesen, die ich während meiner Zeit im Dorf über mich ergehen lassen musste. Widerstand führte stets zu Streitereien und beleidigtem Themenwechsel.

1. Eine gute Mutter bleibt 3 Jahre mit dem Kind zuhause. Der Vater kann doch arbeiten gehen.

2. Eine gute Mutter schafft es, alle ihre 35 Kinder während der Pubertät in die richtigen Bahnen zu lenken. Immer. Ansonsten ist es eine schlechte Mutter.

3. Wie kann man nur als Student in einer großen Stadt leben wollen?

4. Urlaub ist nur gut, wenn man ihn in einem Club-Hotel verbringt.

5. Nachbarn sind was tolles. Man feiert mit ihnen Geburtstag und lästert hinter ihrem Rücken über sie. Flexible Freundschaften.

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