Sonderstellungsrat

Ich sitze im Hörsaal und anstatt anzufangen, übergibt die Professorin ihr Wort an Nils. Nils aus der Fachschaft. Nils sagt „moin“ und wollte nur kurz sagen, dass gerade Studierendenparlamentswahlen sind und wir doch bitte wählen gehen sollen. Jeder hat 4 Stimme. Aber nein, Moment. Frauen haben 5 Stimmen. Wegen der Gleichstellung von Männern und Frauen an der Uni. Helleluja. Nils fiel seine Widersprüchlichkeit nicht auf und erklärte weiter fröhlich den Politikapparat der Uni. Senat, Parlament, Rat, Fakultätsvertretung. Alles. Und Gleichstellungsrat. Für Frauen. Gleichstellung für Frauen.

Nun bin ich von Natur aus nicht gerade unterwürfig, würde ich meinen. Heute äußert sich das weniger, aber früher, zu Schulzeiten, saß ich gerne in der Aula und habe unserer Kommunistenschläger-Schülervertretung meine erzkonservative und tiefkatholische Meinung aufgezwungen. So erzkonservativ wie man es nur als 16-jähriges Schwedenmusikmädchen und so tiefkatholisch wie man es nur als protestantische Nicht-Kirchengängerin sein konnte. Diese Zeiten sind vorbei. Rockkonzerte sind seltener, Kirchengänge häufiger und Zusammenschlüsse aus Wohlstandspunks motivieren schon länger keinen ernsthaften Ärger in mir.

Mein Feindbild sind momentan hingegen Emanzenbünde. Emanzenbünde, dauerunzufriedene und ständig nörgelnde Emanzenbünde. Und jetzt zurück zu Nils aus der Fachschaft. Nachdem Nils also seinen Vortrag beendet hatte und die Vorlesung ohne weitere Zwischenfälle losgehen konnte, braute sich in mir jener Ärger aus Schultagen zusammen. Wieso muss ich als Frau ein Kreuzchen mehr machen? Für einen Verein, der sich selbst Gleichberechtigung schimpft und im selben Moment den Frauen wieder nur unmündige Sonderbehandlungen einräumt: Vorziehen einer weiblichen Bewerberin bei gleichen fachlichen Qualitäten, Fraunquote bei allen Professuren, umständliche Genderschreibweise auf allen Dokumenten der Uni. Warum dieser Unfug? Warum soll jemand eine Frau einstellen müssen, mit der er persönlich nicht so gut auskommen würde wie mit dem Mann, der die gleichen Qualitäten mitbringt? Warum soll eine Frau eine Professur bekommen, wenn doch der andere Mann viel besser lehrt? Und warum muss ich ständig diesen Innen/innen/_innen-Blödsinn lesen müssen?

Wegen irgendwelchen Weibern, die durch ihren unbedingten Drang zur Gerechtigkeit ein Sondergremium in der Hochschulpolitik heraufbeschwören haben und sich jetzt fantastisch gleichberechtigt fühlen. Nein. Ich fühle mich durch euch diskriminiert. Ich will nicht ein fünftes Kreuzchen machen, nur weil ich Brüste habe. Ich will keinen Club unterstützen, der soweit Frauen fördern will, dass er Männer benachteiligt. Ich mache erst ein fünftes Kreuzchen, wenn auch mein Sitznachbar ein fünftes Kreuzchen machen darf. Das für den Gleichstellungsrat der Männer.

Und so stand ich nach der Vorlesung auf, lief zur nächsten Wahlurne, holte mein fünf Wahlbögen ab und zog genüsslich ein großes, dickes Kreuz über den fünften Bogen. Doppelt, dreifach gekreuzt. Quer übers Blatt. Laut kritzelnd. Immer wieder nachziehend.

Und wenn ich nächstes Jahr einen Mann in den Gleichstellungsrat wählen darf, erspare ich den Stimmenauszählern meine Malereien.

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