Zauberhaft

Die fünfte Klasse war eine schöne Zeit. Man bekam Pausenbrote geschmiert, fuhr jeden Tag zur gleichen Uhrzeit mit dem Schulbus, traf dort seine Freunde und kam jeden Tag zur gleichen Uhrzeit nach hause, bekam Essen serviert, machte sich an die Hausaufgaben und spielte nachmittags. Und abends (oder auch nachmittags und mittags und morgens) las man. Man las und las und las. Harry Potter las man.

Die Kundigen unter uns wissen jetzt, dass man im Fünftklässleralter, also mit 10 Jahren,  genau im richtigen Alter ist, um auch auf diesen Einladungsbrief zu Hogwarts warten zu können. Denn Hogwarts schickt jedem Kind, das zu Zaubern und Magie fähig ist, an seinem 11. Geburtstag diesen Brief. Und so las ich mit 10 Jahren Harry Potter und hoffte, still und heimlich. Still und heimlich hoffte ich, an einem Dezembertag vor 12 Jahren, dass ich in aller Kürze einen Brief aus Hogwarts in meinen Händen halten würde.

Natürlich habe ich das keinem verraten. Natürlich habe ich so getan, als wäre Harry Potter nur eine wunderschöne Geschichte für mich. Aber das war es nicht. Als ich 10 Jahre alt war, war Harry Potter meine Zukunftsplanung. Ich würde bald diesen Brief bekommen, als Muggel auf die Schule gehen, zu Gryffindor eingeteilt werden, wunderschön englisch sprechen (dieser Gedanke reifte allerdings erst in späteren Jahren) und druch die Straßen von Hogsmead flanieren, im Winter bei Schnee und Butterbier.

So las ich also an langen Winterabenden und blühte auf in dieser Welt. War mir sicher, dorthin zu gehören. Bald durch Hogwarts Schlossmauern zu streifen. Sie war so schön. Diese Hoffnung. Und so sicher. Ich war mir tief in meinem Inneren so fabelhaft sicher, dass am 31.12.1999 ein versiegelter Brief durch unser Küchenfenster schneien würde.

Da würde er liegen, zwischen Pflanzen, Küchenzeile und Brotschneidemaschine. Ein merkwürdiger Brief aus Pergament, versiegelt mit Hogwarts Wappen. Handschriftlich und mit feinster Tine stünde dort mein Name. Ungläubig würde meine Mutter ihn zuerst entdecken. Ihn nicht öffnen, es ist bestimmt eine Geburtstagskarte für mich. Als zweite würde ich heraus aus meinem Zimmer kommen, mich auf die Geschenke freuen, aber eigentlich so sicher sein, dass da Größeres auf mich wartet. Ein Schreiben aus Hogwarts würde warten, das wusste ich. Nicht sonderlich überrascht würde ich schließlich den Brief öffnen, meine Mutter stünde gespannt daneben. Wer kommt auf die Idee, auf Pergament zu schreiben? Das würde sie denken. Und dann die Ungläubigkeit in ihren Augen. Vater und Schwester werden geweckt, informiert und glauben schließlich auch nur an einen Scherz. Ich würde die Passagen aus dem Buch vorlesen. Alles ist genau so wie dort beschrieben. Inzwischen landete ein zweiter Brief. In meinem Zimmer. Im Wohnzimmer. Der Briefkasten voll. Überall Briefe aus Hogwarts. Es musste stimmen.

Zwei Tage später bekamen wir mehr Informationen. Wie kommt man in das nächste Zaubereiviertel? Wann der Abflug nach Hogwarts? Welche Bücher? Eule? Umhang? Zauberstab?

Ich würde einen Zauberstab kaufen. Ich war mir sicher, dass es hier in Deutschland auch Zauberstabgschäfte gab. Zauberstäbe, die von Boden bis Decke aufgetürmt waren, jeder Stab sucht sich seinen Zauberer. Ich würde da warten bis ein Zauberstab so gnädig sein würde und zu einem Muggelkind flöge. Meine Eltern ratlos neben mir. Ich jedoch, verzaubert von der Großartigkeit der Zaubererwelt, ganz eingenommen von dem deutschen Mr.Ollivander und seiner Zauberstabsphilosophie lauschend, wäre mir sicher, jetzt endlich in der richitgen Welt angekommen zu sein. Bei meinesgleichen, Zauberern und Hexen. Aber die von der guten Seite.

In meinem Kopf war ich mir nie sicher, ob ich wirklich nach Hogwarts kam oder ob es auch eine deutsche Zaubereischule gab. Aber diese Frage sollte sich ja am 31.12 klären. Und so, wie gesagt, wartete ich und wartetet. Und las, las und las.

Und so kam der 31.12. Ich möchte meine Enttäuschung nicht weiter ausführen. Aber ihr seht: Ich widme mich sehr irdischen Dingen, trug noch nie einen Umhang und besitze keinen Zauberstab aus Ebenholz. Es ist traurig. Denn ich habe die dringende Vermutung, dass man mich damals schlicht und einfach vergessen hat. Und dass man so eine ganz exzellente Hexe verpasst hat.

Und ja. Diese Gedanken spielen sich seit dem 1.1.2000 in mir ab. Vielleicht hat Hogwarts mich vergessen. Vielleicht. Hoffentlich.

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