Von literarischen Schwierigkeiten

Hier ein Essay, den ich letztes Semester abgegeben habe und dafür ein „Das war ein super Essay! So soll’s sein“ bekommen habe. Und ja, es war in Ethnologie. Germanisen würde es nie einfallen, ihre Studenten kreativ schreiben zu lassen. Paradox.

Die nächste Hausarbeit kommt bestimmt. Da werden Bücher gewälzt, Essays gelesn, alles kunterbunt markiert. Ein paar Exzerpte, vielleicht auch stichpunktartige Notizen. Information also, die schnell, effizient und möglicht treffsicher verarbeitet werden will. Um möglichst schnell, effizient und treffsicher in einer Hausarbeit zu landen, von denen man als angehender Geisteswissenschaftler so einige in seiner manchmal kurzen, manchmal längeren wissenschaftliche Karriere schreiben wird. Getriezt wird man, nüchtern und emotionslos, informativ und stichhaltig zu schreiben. Keine Wortspiele, keine Ironie, keine Experimente mit Wort und Schrift. So lernt man es, von der Pike auf, schon als Erstsemester und vertraut darauf. Verkneift sich jeglichen Kommentar, verzichtet auf die Umgangssprache, die doch manchmal so viel treffender sein kann. Und dann, irgendwann, zwischen aller Information und Nüchternheit, verlangt jemand literarisches Schreiben. Ein Schock.

Ein genau so großer Schock wie plötzliche Mind Maps oder Traumreisen in den Seminaren. Eine Seltenheit, aber eine immer beliebter werdende solche. So steht das plötzlich „Piraterie“ mitten an der Tafel. Piraterie. „Was fällt Ihnen dazu ein?“, fragt der Dozent.

Zögerlich melden sich die ersten Studenten, nach einigen Minuten der Gedenkzeit. Somalia, maritime Gewalt, Handelsschiffe. Die ersten Begriffe sind nüchtern, faktisch und entstammen wohl aus klugen Texten, von denen der Student in seiner Uni-Karriere auch zu Genüge gelesen hat. Somalia, maritime Gewalt und Handelsschiffe. Das kann es nicht gewesen sein für diese Mind Map. „Weiter, was fällt Ihnen noch ein?“. Und so bleiben die Hände unten. Die klügsten Begriffe sind doch schon gefallen, denken die meisten. Keinem fällt viel Intelligenteres ein. Flüsternd fantasiert man jedoch mit seinem Sitznachbarn: „Piraten, Hoppetosse, einsame Inseln.“ Schon der erste Lacher, niemals würde man so etwas sagen. Im Seminar. In der Uni. Doch, vielleicht, um mal zu testen, wie man auf Banalitäten reagieren würde, so ganz im wissenschaftlichen Alltag, der sich nur selten Exkurse in die Kreativität erlaubt. Und dann doch. „Das ist doch nicht alles, was Ihnen zu Piraterie einfällt?!“, fragt der Dozent eindringlich. Nein, ist es nicht. Aber lächerlich möchte man sich nun auch nicht machen.

Und irgendwann, da platzt die Bombe. Der Dozent gibt zu verstehen, dass dies eine echte Mind Map sei, keine viel zu abgehoben nüchterne, die nur Wissenschaftliches erlaubt. Achso. Dann mal los.

Piraten. Hoppetosse. Einsame Inseln. Die ersten Begriffe fallen, das Seminar lacht auf, fast peinlich berührt von diesen unzureichend wissenschaftlichen Begriffen.

Piraten, Hoppetosse, einsame Inseln. Diese Begriffe würden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in einer Grundschulklasse fallen und da reihen sie sich jetzt dicht an „Somalia“, „maritime Gewalt“ und „Handelsschiffe“. Ganz ungeniert, als gehörten sie dahin. Absurd. Weiter geht’s mit Holzbeinen, Papageien, Johnny Depp und Schätzen. Die Studenten graben jetzt tief, tief in ihrer Kreativität. So ungewohnt, im Haus des Wissens. So ungewohnt, wenn plötzlich etwas zählt, was nicht aus komplizierten Texten von renommierten Wissenschaftlern stammt. Sondern vielmehr aus der Feder von Kinderbuchautorinnen und Regisseuren, aus Geschichten über fremde Welten und Schätze, Holzbeine und Seefahrer-Romantik. So ungewohnt, wenn der Zwang dann weg ist, möglichst Intelligentes und Vernünftiges von sich geben zu müssen. So ungewohnt, wenn die meisten Studenten plötzlich aus dem Informationskoma erwachen und die unkonventionelle, doch eigentlich normale, Mind Map mit Leben füllen. Und den dazugehörigen Unterricht erst recht.

So verhält es sich mit der Kreativität. Erst gescholten, in wissenschaftlichen Aufsätzen überflüssig, eine Schreibart zweiter Klasse. Dann, wenn sie plötzlich gebraucht wird: überraschend, fast verstaubt kramt man sie hervor und schließlich eröffnet sie eine ganze neue Sicht. Eine Sicht auf diese pure Informationsverarbeitung, zu der Studenten viel zu oft angehalten sind, die auch lehrreich sein kann. Piraten, Hoppetosse, einsame Inseln. Neben Somalia, maritime Gewalt, Handelsschiffe. Romantik trifft auf Realität, Realität auf Romantik, wie sie einem beigebracht wird. Piraterie also, ein vielschichtiger Begriff, je nach Blickwinkel ein anderer.

Und so ist dieser Essay also geschrieben. Einfach so, ohne die aufwendige Lektüre vieler Aufsätze, Bücher und Internetquellen. Aus der Erinnerung an das letzte Semester, aus dem kurzen Blick in die Aufzeichnungen. Nicht stichhaltig, nicht nüchtern, viel zu unstrategisch undurchdacht. Viel zu umgangssprachlich. Das kann man doch nicht abgeben. So ganz ohne Literaturverzeichnis. So ganz salopp. So kreativ und formlos. Muss man aber, denn Kreativität wurde ausdrücklich erwünscht. „Werden sie kreativ!“, mahnt der Dozent und stößt auf Raunen in der Studentenschaft. Kreativität, das reicht ihm, sagt man sich in den Reihen. Lächelt, freut sich auf so wenig Arbeit, nimmt das Ganze nicht sehr ernst. Und dann sitzt man doch vor dem leeren Word-Dokument. Was kann man da schon schreiben? Vielleicht doch vorher schnell was lesen?

Nein, man beginnt einfach und versucht, kreativ zu werden. So schnell und effizient wie möglich. So hat man das gelernt. Und siehe da: Madame Kreativität bringt doch was auf die Beine! Zwei Seiten über ihr literarisches Dilemma.

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