Le Vormund, c’est moi.

Daniel Kehlmann hat einmal in einem Interview gesagt, dass er immer noch den Drang hat, einem Erwachsenen Bescheid zu sagen, wenn etwas passiert oder schief gelaufen ist. Daniel Kehlmann ist 37 Jahre alt und nicht mehr nur die neue Hoffnung für die jetzige Literatur. (Lest! Lest! Lest die Vermessung der Welt!) Und Daniel Kehlman hat Recht. Ich bin nun noch nicht mal Mitte 20 und dementsprechend ein wenig weiter weg vom offiziellen Erwachsensein als er, aber ich denke, ich werde auch in 15 Jahren noch dieses Bedürfnis empfinden.
Ich werden auch mit 30 noch davon ausgehen, dass ich meiner Mutter Bescheid sagen soll, dass ein Glas in der Küche zu Bruch gegangen ist und wir nun wieder eins weniger haben. Ich werde mich lebenslang in der Familienversicherung meiner Eltern wähnen. Ja, Kranken-, Unfall und vor allem Haftpfligtversicherung. Ja ja, alles da, alles versichert.
Noch heute gehe ich davon aus, dass mein Konto in irgendeiner Art ein Unterkonto des Kontos meiner Eltern ist. Dass ich irgendwie in dieser Form bei der Bank abgespeichert bin: Yate, Tochter von Yatemama und Yatepapa, darf dieses Konto unter dem Vormund ihrer Eltern führen. Ich weiß natürlich, dass ich inzwischen ein einzelner Mensch bin und dass das nicht stimmt. Dass mich alle Banken höchstpersönlich selbst verarschen können und dafür keine Erlaubnis der Erziehungberechtigten vorliegen muss.
Aber ich kriege das nicht aus meinem Bewusstsein, nie wieder. In meiner Welt warte ich immer noch auf den ersten Elternsprechtag der Uni, wo sich meine Profs und Dozenten über meinen mangelnden Lesewillen beklagen. In meiner Welt hat das Prüfungsamt meinen Eltern sämtliche Prüfungstermine schriftlich bestätigt. Alles heimlich. Sie möchten mich in meinem schönen Glauben lassen, erwachsen zu sein in einer erwachsenen Welt.
Sie möchten nicht, dass ich irgendwann herausfinde, dass eigentlich alles Mama und Papa geregelt haben. Dass Herr Prof. Dr. Dr. h.c. seine Noten zuerst mit meinen Eltern abspricht, dann mit mir.
Denn in dieser Welt, in der ich lebe, kann man mir unmöglich erlaubt haben, ein eigenes Leben zu führen. Man kann unmöglich zugelassen haben, dass ich ohne Aufsicht Auto fahren darf, Zugtickets buchen und bezahlen, mich im Ausland bewerben kann. Ohne Unterschrift eines Erziehungberechtigten.

Allein, dass ich inzwischen in der Stadt herumlaufen darf, ohne mich mit zwei Mitschülern zu einer Dreiergruppe zusammenschließen zu müssen. Allein das ist unverantwortlich.

Und jetzt stelle man sich vor, dass ich ein ganz eigenes Leben habe! Ein ganz eigenes, mit Konto und Brillenversicherung auf meinen Namen!

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