Autistische Züge

„Und das stört dich… weil…. du… autistischte Züge hast?!“, fragte meine Mitbewohnerin neulich, als ich ihr von einem Problem erzählte, mit dem ich seit ein paar Tagen umgehen muss. Kurz gesagt: Wenn ich alt bin, wird mein Gesicht asymetrisch. Und das weiß ich schon heute, denn, wenn ich meine Stirn runzele, runzel ich sie asymetrisch. Auf der Stirn an sich ist alles in Ordnung, aber zwischen den Augenbrauen. Da bildet sich eine Zornesfalte. Mit Zornesfalten an sich hätte ich kein Problem. Mein Problem ist, dass sie sich viel zu weit an der rechten Augenbraue bildet. Und nicht in der Mitte. Ergo: Ich werde asymetrisch und das macht mir zu schaffen.

Meine Mitbewohnerin ist Sonderpädagogin, sie weiß also, wovon sie spricht, wenn sie etwas von autistischen Zügen sagt. Und sie hat da nicht so sehr unrecht, wie ich gerne hätte. Eben musste ich mich wieder bei meinem Autisten-Dasein ertappen. Ich stolperte, wie immer, wenn ich lernen sollte, über einen neuen Blog. Bestimmt ist er wunderschön, denn er handelt von deutschen Auswandern in Schweden. Aber ich kann ihn unter keinen Umständen lesen. Grund dafür ist die Art und Weise, wie die Bloggerin alle Einträge unterschreibt. Nämlich so:

„Kram,“

Zu Deutsch „Umarmung,“. In Worten: Umarmung komma. Und nichts weiter. Einfach „Umarmung,“. Selbst wenn ich das hier schreibe, kriege ich Gänsehaut. Man darf keinen Blogeintrag mit einem Komma beenden. Das ist unvollständig und dann kommt da wieder mein Problem mit der Unendlichkeit. Ein Komma bedeutet, dass noch etwas (Achtung, Wortwitz) kommt. Ein Komma ist kein adäquater Abschluss für keinen Text dieser Welt. Für nichts ist ein Komma ein gültiger Abschluss. Wenn da ein Komma steht, wird meinem Gehirn suggeriert, dass es noch nicht vorbei ist, dass ich auf etwas warten muss. Auf den Punkt zum Beispiel, mit dem ein Satz beendet werden könnte. Oder auf einen Namen, etwa „Umarmung, Hansdieter“. Und so denke ich nun immer, dass ich das Ende des Blogeintrages verpasst habe oder nicht finden kann. Nun, deswegen werde ich nie wieder auf diesen Blog gehen. Er macht mich nämlich wahnsinnig, mich Autistin.

Warum ich außerdem unerkannte autistische Züge habe: Ich sortiere die Spülmaschine meines Cafés akkurat nach Art des Geschirrs ein. Löffel zu Löffel, kleine Tassen immer in die gleiche Reihe. Gläser niemals zu den Milchkaffeetassen. Ich bilde mir ein, dann ginge das Ausräumen hinterher schneller. Das ist aber nur Selbstbetrug.
Ich darf seit geraumer Zeit, etwa seit meiner frühen Jugend, nicht auf Linien zwischen Pflastersteinen treten. Ja, immer noch nicht. Ich hasse es, wenn Menschen Emails ohne anständige Absatzaufteilung schreiben. Wenn ich Kuchen schneiden soll und keine gerechten Stücke hinkriege, wurmt mich das auch, wenn jedem sein Stück gereicht hat.
Naja, und das Übliche eben: Bilder dürfen nicht schief hängen, Parkettboden nicht quer zur Wand zulaufen und Primzahlen bringen mich aus dem Konzept.

Zum Trost gab mir meine Mitbewohnerin übrigens noch Folgendes mit auf den Weg: „Kein Angst, wenn du alt bist, hast du auch auf der anderen Seite diese Falte“. Sie weiß, wie man damit umgeht. Sie ist ja vom Fach.

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