One day, Baby!

„Was machst du nachts um vier alleine auf der Straße?“
Ich war feiern, alles war gut und ich wollte nach hause. Genau wie zwei Freundinnen von mir, tat ich das auch. Nachts um vier, im Winter und bei Dunkelheit, zu Fuß. Genau wie die anderen Beiden, nur wahrscheinlich in die falsche Richtung. Dennn während die Anderen nachts um halb fünf schon schliefen, stand in meinem Hausflur die Polizei und bat mich, meine Kleidung, die noch nach Rauch und Party roch, nicht zu waschen, sondern in einen Müllsack zu packen. Für den Staatsanwalt, falls er Beweismittel braucht. Falls ich auf Vegewaltigung anklagen werde. Ich hätte es getan. Das Kleid, die Strumpfhose und meine Jacke hätte ich liebend gerne nach DNA-Spuren untersuchen lassen, wenn das, was mir passiert ist, nicht doch nur sexuelle Beleidigung war, deren Verfahren letzte Woche eingestellt wurde. Kein Täter gefunden, obwohl ich weiß, dass der, der mir in dieser Nacht ein bisschen Freiheit rauben wollte, hier immer noch rumläuft. Nachts um vier.
Was macht er nachts um vier alleine auf der Straße?
In dieser Nacht griff er mir zwischen die Beine. Verfolgte mich vermutlich vorher. Ich ahnte nichts, lief nach hause und schrie dann um Hilfe, zum ersten Mal ein meinem Leben, als er auf mich zugerannt kam und mich anfasste. Mehr nicht, großes Glück. Er rannte weg, Nachbarn riefen die Polzei, die kam zu viert und suchte ihn, beruhigte mich. Ich erstattete Anzeige und schlief in dieser Nacht zitternd ein. C auch.
In den nächsten Tagen war alleine sein keine Option. K kam mit Bunte, Ü-Ei und Friends und saß mit Tränen in den Augen am Küchentisch. Es tut ihr Leid, das hätte nicht passieren dürfen. Warum ging ihr Heimweg in dieser Nacht gut?
Weil bis dahin auch jeder meiner Heimwege gutgegangen war, egal um wieviel Uhr, im Dunkeln, bei Dämmerung, taghell und im Morgengrauen. Manchmal dachte ich vielleicht daran, dass es keine gute Idee war, genau jetzt und hier alleine zu sein. Aber es würde schon nichts passieren, nicht hier und nicht mir. Und manchmal lief ich einfach, es waren ja nur ein paar Meter, ohne daran zu denken, dass es Menschen gibt wie ihn.
Menschen, denen nachts die Straße gehört. Wegen denen Mütter schlaflose Nächte haben und Töchter sich für ihre Freiheit rechtfertigen müssen. Denn in den Wochen danach hat nie jemand gefragt, was dieser Mensch nachts um vier alleine auf der Straße machte. Neben Bestürzung, Mitleid und geschockten Gesichtern, stellte man nicht selten meine Vernunft in Frage. Wie, um Himmels Willen, komme ich auf die Idee, nachts alleine nach hause zu gehen? Zu fuß und ohne Begleitung, im Dunkeln, mit hohen Schuhen und Kleid gekleidet? Ich weiß doch, dass man das nicht macht. Ich kenne doch die grausamen Geschichten.
Ich finde aber nicht, dass man das nicht macht. Ich finde, dass man vieles anderes nicht macht. Sich und seine sexuellen Gedanken bei kurzen Röcken nicht beherrschen zu können. Mädchen die Schuld an perversen Phantasien zu geben. Anderen Menschen durch die eigene Präsenz ein Stück ihrer Freiheit und Selbstbestimmung zu rauben. Denn die Sekunden vor der Haustür im Dunkeln sind nach wie vor nicht angenehm für mich, das ständige Angewiesensein auf eine Begleitung nervt. Adrenalin und Panik lassen sich nicht kontrollieren, fast scheitern Ausgehabende an dem Gedanken an den Heimweg.
Auch wenn meine „Geschichte“ gut ausgegangen ist, wirkt sie auch Monate später noch nach. Wir sind aufmerksamer, bitten um Anrufe, wenn man gut zuhause angekommen ist. Planen die Heimwege besser und fahren nur noch mit dem Fahrrad. Wegen einer einzigen Person, die nachts um vier alleine auf der Straße rumlief. Wegen mir? Nein, wegen ihm. Weil er keine Ahnung hat vom Leben, menschlich verkümmert und psychisch gestört ist? Sexuell frustriert? Emotional vernachlässigt? Gesellschaftlich hingenommen. Denn keiner sagt, dass er sich nachts um vier von der Straße verpissen soll, ich soll das tun.

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p.s.: Natürlich ist meine Sache nicht vergleichbar mit dieser Tradögie, aber der Spruch passt nicht nur in Indien. Sondern auch in einer guten Gegend Deutschlands.

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