Vollstes Vertrauen

Deine Stimme zählt!Vielleicht bin ich der einzige Mensch der Republik, der bei der Bundestagswahl zwei Stimmen hat. Und für gleich 5 Volksentscheide eines Staates stimmen darf, in dem er nicht mal lebt.

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Dann halt hier, bevor ich es vergesse.

Ich war kurz davor, als Portrait in einer großen, guten, ernstgenommenen Zeitung zu erscheinen. Da dies aber nicht gelang, wird diese Geschichte nun unentgeltlich hier veröffentlicht. Feel blessed and privileged, my dearest readers!
Ich nenne mein verkanntes Meisterwerk, wie immer vollkommen frei von Pathos, „Die Würde des Menschen“. Also nun, bittesehr.

Ich kam aus Köln und war selbstbewusst. Ich hatte schnell Freunde gefunden, befand mich selbst für durchschnittlich nett, durchschnittlich beliebt und, neben einigen wenigen Ausreißern, auch für durchschnittlich normal. Nicht, dass ich so ein Esprit-Normalo mit fünf Farben eines Jeans-Modells bin. Auch nicht so, dass ich normale Dinge studiere oder ganz normal jeden Sonntag den Tatort schaue. Eher so normal, dass ich doch davon ausgehen kann, dass man es mit mir aushält, obwohl ich vielleicht ständig summe und nichts lieber als Adelsblogs lese. Ich habe keine ernstzunehmenden Ticks, laufe hinreichend gepflegt und manchmal sogar geschminkt durch die Gegend, kaufe sowohl bei Rewe als auch bei Alnatura und esse genauso gerne Billig-Chips wie ich faire Preise für Milchbauern fordere. Und sie auch bezahle. Mit all der Normalität im Gepäck, und dem damit einhergehenden Selbstbewusstsein, schrieb ich meine ersten Bewerbungen für WG-Castings. Hallo, ich liebe Schweden, wohne in Köln, habe WG-Erfahrung, kann kochen und putzen, unterhalte mich gerne über alles und jeden und würde mich freuen, euch kennenzulernen. So schrieb ich das, mit der Gewissheit, dass mich spätestens der Köln-und-Schweden-Trumpf auch nur irgendwie sympathisch und interessant macht. So weit, so richtig. Schnell bekam ich Antworten, wurde eingeladen und dachte: In your face, Zimmersuche! Ich krieg das hin – ohne Persönlichkeitsschaden und mit Leichtigkeit.
Jaha. Ja. Nein. Nein, so leicht war das nicht. Denn während meine Bewerbungen stetig zahlreicher und somit unindividueller wurden, entwickelten sich die Castings, zu denen ich eingeladen wurde, zu den skurrilsten Situationen ever seen. Zuerst der Mensch, vor dessen Haustür ich drei Minuten zu früh stand, ihn per SMS fragte, ob ich trotzdem schon reindürfe und der mir antwortete: „Warte, ich zieh mich nur kurz an!“ Während ich so viel Information nicht erwartet hatte, öffnete er mir freudestrahlend die Tür – angezogen und frisch geduscht – und führte mich herum. Die Möbel könnte ich übernehmen, das Bett sei allerdings schon vom Vorvormieter und die Küche, die stinke nach Katzenfutter und wird nicht geputzt. Der Vermieter? Ein Künstler, meistens unterwegs. Seine Katzen fühlen sich auch ohne ihn wohl. Ich könnte das Zimmer haben, er will mir aber wirklich nichts andrehen. Mit dieser Gewissheit verabschiedete ich mich nach fünf Minuten wieder, nahm die Bahn zurück zur wohnungslosen Frustration. Ein paar Tage später dann das, was ich mir niemals zugetraut hätte: Meet and Greet mit einer alten Dame, die ihre Rente durch mich aufbessern will. Große Wohnung, alles da, das kleinste Zimmer könnte ich bekommen. Und die Küche, ja, die dürfte ich gerne benutzen, allerdings bitte nicht das Geschirr anfassen. Das gehört ihr. Und Mixer, Purierstab und Kaffeemaschine bitte nur nach Absprache. Nicht zu oft, die Sachen müssen schließlich pfleglich behandelt werden. Ich versicherte ihr, ein sorgfältiger Mensch zu sein, dessen kühnste WG-Erwartungen hier erfüllt sein. Ihre Tochter, längst nach Frankreich ausgewandert, dokumentiert meine Aussagen. Und fragt schließlich noch eine letzte Frage: Wie hoch ist Ihr Interesse an dem Zimmer: gering, mittel oder hoch? Hoch, selbstverständlich hoch. Vielleicht haben andere Bewerberinnen den Fragebogen einfach aufrichtiger beantwortet oder konnten dreister lügen – denn ich habe das Zimmer nicht bekommen. Obwohl ich mich hier, morgens um 7.30 Uhr, nun wirklich von meiner bestmöglichen Seite zeigte. Ein anderes Zimmer, dass ich im normalen Leben niemals wollte, verlangte von mir, morgens nicht vor 8.00 Uhr die Gemeinschaftsräume zu betreten. Einer der Mitbewohner brauche morgens einfach Zeit für sich. Und ich, ich sei trotz meiner jungen 24 Jahre sehr nett, kriege das begehrte Zimmer aber trotzdem nicht. He is so sorry. Dann, in unmittelbarer Nachbarschaft, drei junge Herren. Davon ein Schwede mit zu kurzen Baggyhosen. Ein zu großer, noch nie den Pubertätsflaum abrasierter und herzensguter Debattierclubanführer. Und ein Quantenphysiker. Und einer, der weder anwesend noch sonst sonderlich sozial ist und gerne Computer spielt. So wie alle anderen eigentlich auch. Und wenn ich mal etwas runterladen will, so sagen sie mir, während ich dabei zugucke, wie sie den eigens gebackenen Kuchen von der Mutter des Debattierers verzehren, dann ginge das ratz fatz. So schnell, man könnte gleich mehrere Sachen gleichzeitig runterladen. Naja, vielleicht stockt das Internet manchmal, wenn man zu lange Youtube-Videos runterlädt. Aber im Großen und Ganzen ist es sehr, sehr schnell. Und wie sie da sitzen und über Internet, Spiele und Musik diskutieren, frage ich mich, wie diese Menschen jemals auf die Idee gekommen sind, mich zu diesem Casting einzuladen. Ich, die World of Warcraft noch nie von Innen gesehen hat, der schwarze Mäntel und zu lange Haare schon von Weitem zu viel sind und die niemals auf die Idee kommen würde, sich über die Downloadleistung des Internets Gedanken zu machen. Trotzdem, während ich zwischenzeitlich den ersten, eskalierenden Ausflug ins Münchner Nachtleben unternahm (alles im Rahmen eines WG-Castings für ein Zimmer, dessen Dielenboden per Hand auseinandernehmbar ist und wo weder geputzt noch schlecht gelaunt wird), sagten mir diese Obernerds zu. Telefonisch, aufgeregt und gespannt. Mich lobend, ich sei die Wunschkandidatin. Wunschkandidatin? Ich? Bei euch? Um Himmels Willen. Warum? Denke ich uns sage: „Natürlich will ich bei euch wohnen. Super, dass das geklappt hat.“
Gleichzeitig schickte ich die nächste Bewerbung ab und hoffte, hoffte, hoffte, dass Gott ein Einsehen mit mir hat und das tägliche World of Warcraft Spielen doch nur eine Schreckenvorstellung bleiben wird. Meine Gebete wurden erhört. Sowas von. Ich bin nun in einer optimalen WG untergekommen, nachdem die Hoffnung auf das Gute im normalen Menschen doch fast verblasste. Denn während ich zwischendurch auch nette, durchschnittliche Menschen besuchte und so sehr daran glaubte, bei ihnen einziehen zu dürfen und trotzdem „Wir haben uns die Entscheidung echt nicht leicht gemacht“-Absagen bekam, waren Zweifel an mir und meiner Normalität nicht weit. Ich fühlte mich, vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben, ungemocht, unbeliebt und komisch. Irgendwas an mir muss furchtbar komisch sein.
Und jetzt? Jetzt ist doch alles quasi gut. Nur der bittere Nebengeschmack und das angekratzte Selbstbewusstsein, die beiden Herrschaften können wirklich hartnäckig sein.

Clear eyes, full hearts, can’t lose.

Wie schön ist dieser Satz schon wieder?
So viele schöne Sätze, die ich in letzter Zeit auf Englisch lese. So, so viele! Langsam beschleicht mich das Gefühl, dass ich dem Schwedischen fremdgehen muss, dass ich mehr auf Englisch lesen muss, um noch mehr schöne Sätze zu finden. Dann könnte ich eine Satzsammlung aufmachen, ein Satzmuseum, mit den schönsten Sätzen dieser Welt feinsäuberlich unter Lampen ausgestellt. Hinter Glas, damit man sie nicht zerstört. Damit man sie einfach so lässt, wie sie sind. Um im Archiv hätte ich tausende Sätze. Sortiert nach Sprachen, Situation und Quelle.

Also etwa:
Kölsch, Kneipe, in die ungewöhnlich viele, junge Menschen kommen, Alter Mann.
Mann: Was ist der Anlass?
Student: Gibt keinen.
Mann: Dann is jot.

Mietminderung

Um ein bisschen billiger zu wohnen, könnte man gerne ein paar Aufgaben für den Vermieter erledigen, schreibt er in seiner Anzeige. Lager aufräumen, Hausarbeit, Sprachen unterrichten, Standardtanz, Thai-Massage.

Javisst. Und was darf ich tun, um ganz kostenlos bei ihm zu leben? Happy Ending?

Neu in der Stadt.

Da ich sowieso nichts tue, als diverse Wohnungsportale zu aktualisieren, während draußen der Sommer so wütet, dass die Menschen schon über Sonnenschein klagen können, kann ich genauso gut auch diesen alten Blog aktualisieren. P, du hast es dir so gewünscht.Was ich also getan habe, die letzten Wochen und Monate:
Das größte, das ich vollbracht habe, war wohl, mich für diese Stadt, in der ich jetzt Wohnungen suche, zu entscheiden. Kulturschock, sagen manche. Gar nicht so schlimm, meinen andere. Schön, groß, royal und freundlicher als gedacht, finde ich. Die Schönheit dieser Stadt kommt auch ohne Kommentare aus: Grün an jeder Ecke, reihenweise Altbau, pompöse Bauten, Residenzen, Uni-Gebäude mit Kuppel und Orgel, Springbrunnen vorm Hörsaal. Und alles davon ist groß, groß, groß. Und weit weg. Während der Druchschnittsstudent in Köln nur die drei Straßen um das Philosophikum als Top-Lage bezeichnet, ist man hier froh, auf dem Weg zur Uni nicht noch die U-Bahn wechseln zu müssen. Daran muss ich mich, 7 Minuten vor Beginn der Vorlesung aufs Fahrradsetzer, noch gewöhnen. Ich arbeite dran.
Royal ist diese Stadt über alle Maßen. Hier erinnert eine Straße an die nächste Prinzessin, ein Gebäude ist dem nächsten König gewidmet und ein Monument glorifiziert die nächste Heldentat.
Freundlich also. Das war die größte Angst. Ob ich nach all der Kölner Herrlichkeit jemals wieder lächelnde Gesichter in der U-Bahn sehen werde. Ob nach all der mitternächtlichen Freude dieser Kioskbesitzer über die Weisheiten der Studentenschaft auch nur irgendjemand Verständnis für bruttoinlandsproduktschädigende Menschen zeigen wird. Ob jemals wieder schicke Omas die Frage nach dem Weg vorschieben, um letztendlich über ihre bevorstehde Augen-OP und den Enkel in Singapur zu reden. All das ist geschehen, wider Erwarten. Denn auch hier können die Menschen grundlos lächeln, die Café-Besitzerin teil das letzte Stück Quiche nicht mehr („wäre eh zu klein zum Verkaufen“) und gibt mir zwei für eins und die Oma verstehe ich zwar kaum, weiß jedoch, dass die Augenklinik gut und der Enkel in Singapur zufrieden ist.

Und so ist es doch ganz gut, dass diese Stadt im Gegensatz zu Köln nicht all ihre Klischees bedient. Aber dem mit dem katastrophalen Wohnungsmarkt – dem wird sie nicht nur gerecht. Sie übertrifft alle schrecklichsten Erwartungen. Ich verpasse den Sommer vor dem Computer sitzend und auf Aktualisieren klickend. Ich werde depressiv und suche nach dem Fehler an mir, wegen dem man nicht mir mir zusammen wohnen möchte. Ich überlege, wie schlimm es wohl wäre, jeden Tag zwei Stunden zu pendeln. Und ich habe keine Ahnung, was das schlimmste daran ist: Kein Sommer, Selbstzweifel oder Pendlerleben?