Eine halbe Seite Leben

So, hier folgt mein Erstlingswerk der literarischen Übersetzung. Die Wahl des Textes begründet sich darin, dass wir ihn just in der Universität durchnahmen und dass das Original sprachlich wohl kaum schöner sein könnte.

Nach August Strindbergs „Ett halvt ark papper“ aus dem Schwedischen von Yate. Varsågoda.

Eine halbe Seite Leben

Der letzte Umzugswagen war schon weg, als der Mieter, ein junger, dezent in Schwarz gekleideter Mann, einen letzten Gang durch die Wohnung machte, die nun nicht mehr seine war. Vielleicht hatte er etwas vergessen. Aber nein, vergessen hatte er nichts, rein gar nichts. Und so ging er, hinaus in den Flur und fest entschlossen, nie mehr über das, was er hier erlebt hatte, nachzudenken. Doch da, im Flur, kam alles anders: eine halbes Blatt Papier hing da, mit einem Nagel notdürftig an der Wand befestigt. Und dieser Zettel war doch vollgeschrieben mit so vielem. Sauber und ordentlich mit Tinte, oder vollgekritzelt und hastig notiert mit Bleistift. So stand sie da, diese wunderbare Geschichte von zwei Jahren. Alles, was er zu vergessen versuchte, stand da: Ein Stück Leben auf einem halben Blatt Papier.
Er nahm den Zettel, legte ihn auf die Ablage des Kachelofens, beugte sich über ihn und bgeann zu lesen. Erst stand da ihr Name: Alice. Ohne Zweifel der schönste Name, den er je gehört hatte, denn es war der Name seiner Verlobten. Und Nummer 15 11, was aussah wie die Nummer eines Psalms. Danach: Bank. Seine Arbeit, die heilige Arbeit, die Brot, Haus und Ehefrau brachte. Seine Existenz. Doch durchgestrichen! Denn diese Bank ging in Konkurs, sodass er, nach einer kurzen Zeit der Unruhe, eine Anstellung bei einer anderen Bank fand.
Und dann das. Florist, Kutscher: die Verlobung, als noch Geld da war.
Danach: Möbelhaus, Tapezierer: er wird sesshaft. Umzugsunternehmen: sie ziehen ein. Opernkasse: 50 50. Frisch verheiratet gehen sie sonntags in die Oper. Ihre schönsten Momente, während sie, still und aufmerksam, der Harmonie des Märchenlandes auf der anderen Seite des Vorhangs lauschen.
Dann ein Männername, durchgestrichen. Ein Freund, erfolgreicher Mann, der die Bürde seines Glücks nicht tragen konnte und fiel, hilflos, weit weg von hier. Wie zerbrechlich das Leben ist!
Und hier, hier scheint etwas Neues zum Eheleben hinzugekommen sein: Mit Bleistift und der Handschrift einer Frau steht da: „Die Frau“. Welche Frau? Ja, sie mit dem großen Mantel und dem freundlichen, mitfühlenden Gesicht. Sie, die immer so leise kommt und niemals durch das Wohnzimmer, sondern stets durch den engen Korridor, in das Schlafzimmer geht. Unter ihrem Namen steht Doktor L.
Und dann zum ersten Mal der Name eines Verwandten. „Mama“ steht da. Die Schwiegermutter. Die, die sich immer zurückhielt, um nicht das Glück der Frischverheirateten zu stören, und die, die aber nun, im Eifer des Gefechts, gerufen wird. Und sie kommt so gerne, ist so froh, dass sie gebraucht wird.
Und hier fängt die große Kritzelei in blau-rot an. Arbeitsvermittlung: Das Zimmermädchen ist ausgezogen, soll ein neues eingestellt werden? Apotheke. Hm! Es wird düster. Molkerei: hier wird Milch bestellt, pasteurisiert.
Bauer, Metzger etc.: Man beginnt, den Haushalt per Telefon zu führen, da die Frau des Hauses nicht zur Stelle ist. Nein. Sie liegt im Bett.
Was danach kommt, konnte er nicht lesen: ihm wird schwarz vor Augen, sein Blick verschwimmt. Denn wie soll man klaren Blick bewahren, während man im Salzwasser ertrinkt? Aber was da stand: Bestattungsinstitut. Das spricht für sich! – Ein größerer und ein kleinerer, zwischen den Zeilen zu lesen: Sarg. Und in Klammern: Aus Erde, Asche, Staub.
Und dann stand da nichts mehr! Mit Staub hörte es auf. Und das tut es ja!
Doch er nahm den Zettel, küsste ihn und steckte ihn in seine Tasche.
Zwei Minuten lang hat er zwei Jahre seines Lebens durchlebt.
Er war kein geknickter Mann, als er die Wohnung endgültig verließ. Im Gegenteil ging er aufrecht, wie ein glücklicher und stolzer Mensch. Wusste er doch, dass er das Wertvollste bereits in Händen halten durfte. So viele, denen das verwehrt blieb!

Universum, Engel, Gott?

Erst denkt man: Ich hatte großes Pech. Nachts um vier in einer guten Gegend Deutschlands. Da war es großes Pech, dass ausgerechnet ich den Griff zwischen die Beine bekam und ausgerechnet ich nachts um Hilfe schreien musste. Wir dachten alle, ich hatte großes Pech und wäre lieber mit dem Fahrrad gefahren.

Jetzt weiß man: Ich hatte großes Glück und ein Fahrrad hätte nichts gebracht. Nachts um vier in dieser guten Gegend Deutschlands sind nämlich bereits viel schlimmere Dinge passiert als das mit den Händen, die zu schnell und zu fest und zu intim an mir landeten. Denn: ich bin nicht allein, ich war nicht die Einzige. Und doch bin ich die Einzige. Die nämlich, die ein normales Leben führen kann. Die, bei der es nur der Griff war und dann war Schluss. Ich hatte so unbeschreiblich großes Glück, dass ich nicht weiß, wem ich zuerst danken soll. Meinem „Mut zu schreien“? Dem Universum, das mir in dieser Nacht doch wohlgesonnen war? Dem Schutzengel, der alles gesehen hat und im richtigen Moment irgendetwas auf die Erde schickte, das ihn wegrennen ließ? Dem lieben Gott, der Gebete erhört und einen anderen Plan für mein Leben hat?

Da ich seit gestern weiß, wovor mich Universum, Engel oder Gott beschützt haben, weiß ich nicht mehr, was ich mit diesem Wissen anstellen soll. Denn eigentlich ist ja alles wie vorgestern. Ich bin glimpflich davon gekommen und vorsichtiger geworden. Aber andererseits: Muss ich mich irgendwie revanchieren? Wenn ja, bei wem? Und wie?