Wo ist das Problem?

Köln – Hauptbahnhof. Alles reden über diese eine Station, die für mich bis zuletzt die größte Sicherheit bedeutete. Da sind Menschen, wenn was ist. Da ist Licht. Man sieht mich, wenn was ist. Da stehen Taxis. Ich kann schnell weg, wenn was ist. Pustekuchen. Seit Silvester steht der Hauptbahnhof jetzt also für diese neue Dimension der Respektlosigkeit – und für ein Paradebeispiel an Verschiebung der eigentlichen Probleme.

Offensichtlich gab es unter den Tätern einen nicht unwesentlichen Anteil an Flüchtlingen und ich will diese Tatsache (und die damit einhergehenden Probleme, Konsequenzen, Diskussionen) nicht herunterspielen. Ich will aber auch nicht, das ein ganz anderes Problem dabei auf der Strecke bleibt. Nämlich das eigentliche Problem: Das Männerproblem.

Sexuelle Gewalt ist auch in unserer christlichen, aufgeklärten, demokratischen, westlichen Gesellschaft schon tief genug verankert – wir müssen die Diskussion zunächst ohne die erweiterte Dimension „Flüchtling“ führen. Das Problem ist uralt – und wir haben es ewig missachtet. Als ich in dieser einen Nacht „sexuell beleidigt“, so die offizielle Aussage, wurde, hat man zunächst mein Verhalten in Frage gestellt. Aber ich habe nichts falsch gemacht, ich bin einfach nur nach hause gelaufen. Und das mache ich immer noch – und ja, auch nachts. Natürlich ist der Adrenalinspiegel seitdem ungleich höher als vorher. Natürlich drehe ich mich öfter um und natürlich ist es jedes Mal ein wesentliche Erleichterung, ohne Zwischenfälle die eigene Wohnung erreicht zu haben. Aber: Ich – und diese Frauen am Kölner Hauptbahnhof – haben alles richtig gemacht. Und unsere Gesellschaft macht eben schon ewig alles falsch. Söhne werden zu „echten Kerlen“ erzogen. Mädchen sollen Kleider tragen und beim Sitzen die Beine schließen. Es sind nicht die Söhne, die sich entweder an den Anblick gewöhnen oder eben einfach wegschauen sollen. Es sind die Mädchen, die sich schick verhalten sollen. Und genau da fängt das Problem in unseren eigenen Reihen an: Wir haben die Frau zur Mitschuldigen und treiben die sexuelle Ungezügeltheit der Männer ab adsurdum. Analog dazu sehe ich die Verhaltensregeln, die man nun einführen möchte – und die die Polizei damals auch mir, selbstverständlich gut gemeint, mit auf den Weg gegeben hat. „Lauf selbstbewusst, lass dir keine Angst anmerken.“ – „Fahr am besten Fahrrad“ – „Nimm lieber ein Taxi“ – „Merk dir die Gesichter, die dir entgegenkommen.“

Ich habe lange nach diesem Credo gelebt. Bin durch die nächtlichen Städte gegangen und habe mir Gesichter eingeprägt. Merkmale, Gangart, Kleidung. Aber nein. Warum soll ich diesen Aufwand betreiben? Warum soll mein Kopf ständig arbeiten, wenn so viel andere Köpfe nicht den kleinsten Funken Respekt besitzen? Ich verstehe das Problem nicht.

 

 

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